Mit Gefühlen authentisch umgehen am Beispiel der Wut

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Führt Wut automatisch zu Zerstörung?

Was Gefühle angeht, scheint es eine gewisse Grenze zu geben, zwischen dem, was man nach Außen zeigen kann, und zwischen dem, was man mit sich alleine ausmachen soll. Freude etwa teilt man gerne. Ich freue mich für jemand anderen; an allen Ecken und Enden finden sich Glückwünsche, ob Hochzeit, Berufsabschluss oder Geburtstag. Solche äußeren Anlässe diktieren fast schon ein Gefühl, was man mit ihnen verbindet.

Wut dagegen hat im Alltag etwas fast schon Anrüchiges.

Der Wutbürger ist jemand, dem man keine hohen intellektuellen Leistungen zuschreibt. Doch ist Wut etwas, was automatisch mit Zerstörung zu tun hat? Eigentlich nicht. Richtig gelebte Wut muss kein Hass oder Aggression sein. Wer kennt es nicht, aus einer Wut heraus das Zimmer zu putzen, weil man den Dreck einfach nicht mehr sehen kann?

Wut im Film

In Filmen ist Wut oft mit der männlichen Hauptfigur verbunden — Wut, die zu Rache führt; Wut, die Gerechtigkeit herstellt. Spontan füllt mir Wolverine aus der X-Men-Reihe ein. Weil Striker ihn gequält hat, lässt Wolverine ihn in X2 angekettet, sodass Striker ertrinken muss.

Doch wenn man vom sozialen und medialen Umgang mit Gefühlen absieht, sind Gefühle, besonders Wut, erst einnmal etwas sehr Privates. Nicht selten antwortet man auf die Frage: „Wie geht es dir?“ nicht ganz aufrichtig, weil man mit der Wut, Trauer oder Enttäuschung lieber alleine bleiben möchte oder demjenigen, der fragt, nicht genug vertraut.

Gefühle zeigen Bedürfnisse an

Wichtig bei Gefühlen, auch der Wut, ist meiner Meinung nach: Sie ist erst einmal auch nur ein Gefühl — und Gefühle sind an sich neutral. Nur Gedanken und Bewertungen kanalisieren die Gefühle in eine bestimmte Richtung. Wut kann zur offenen Aggression werden — oder Wut kann zur versteckten Aggression gegen sich selbst werden. Wut kann plötzlich wiederauftauchen, weil ich sie zunächst nicht zulassen wollte.

Ein Beispiel für ein Gefühlsrad. Je höher die Deckkraft einer Farbe ist, umso intensiver ist das Gefühl.

Ich persönlich finde einen authentischen Umgang mit den eigenen Gefühlen wichtig. Sich in Bezug auf Wut also fragen: Wie stark ist meine Wut? Sie kann ja eher ein kurzes Strohfeuer sein bis hin zu Gedanken, jemandem schaden zu wollen. Ich lade Sie als Leser und Leserin ein, sich etwas davon zu distanzieren, Gefühle sofort kontrollieren und vermeintlich wegschieben zu wollen. Vielleicht gibt es für Wut Ihre persönliche Farbe, Ihr Bild oder Ihre Geschichte. Wie jedes Gefühl will uns auch die Wut als Ersatz-Instinkt auf etwas hinweisen: Sich zu wehren oder Grenzen zu ziehen etwa. Konstantin Wecker hat eine schöne Metapher gefunden „Mit Wut und Zärtlichkeit“ — ein Wortpaar, über das man noch etwas nachspüren kann.

Blogparade
Dieser Beitrag war Teil der Blog-Parade Wut ausdrücken und annehmen. Die Seite der Blogparade ist inzwischen offline gegangen.

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2 Kommentare

  1. Lieber Sebastian,
    ich stimme voll zu, dass ein Gefühl eine neutrale Information ist, die uns etwas sagen will. Ein Gefühl hat für mich damit auch etwas von einem Handlungsimpuls. Was meinst Du?

    Liebe Grüße
    Joachim

    • Ja genau, das Gefühl als Ersatz-Instinkt. So wie das Tier wie automatisch flüchtet, sich tot stellt oder angreift, so hat der Mensch Gefühle. Ich glaube, der Handlungsimpuls ist vor allem darauf ausgerichtet, ein in dem Moment wichtiges Bedürfnis zu erfüllen. Bei Wut kann es zum Beispiel das Bedürfnis nach Fairness / Gerechtigkeit sein.

      Liebe Grüße
      Sebastian

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