Eine sprechende Zeile

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#WritingFriday #3

Er seufzte und blickte hinauf in den grauen Himmel. Mausgrau? Betongrau? Was auch immer — in jedem Fall etwas Blödes. In diesem öffentlichen Bücherschrank gab es rein gar nichts Gutes – Julius von Voß, Stefan Wolf und Marie Louise Fischer. Einladend die Papiertonne direkt neben dem Bücherschrank. So nach dem Motto: Die Guten in die Tasche, die schlechten … aber halt! Fast vollkommen im Schatten der Papiertonne lag ein kleines Büchlein.

Von seinem Zustand her durfte man fast den Eindruck haben, es war eher aus der Papiertonne als aus dem Bücherschrank gekommen. „Lebenskunst für jedermann“. Ja, auch für dich. War das sein Gedanke? „Mut heißt, mit der Unsicherheit des Lebens zurechtzukommen“, sagte es. Was? Wer? Erst jetzt bemerkte er, dass er dieses kleines Büchlein mit dem vergilbten Einband aufgeschlagen hatte. „Es gibt nur diese eine Regel: Folge keinen Regeln“, sagte das Buch. „Das ist doch abgekupfert von Osho!“, rief er. „Ich bin ein Teil von jener Macht, die stets das Böse will und doch Gutes schafft“, hörte er. Ach, der alte Goethe. Er verstand nicht und doch verstand er. Der Wind blies und vertrieb die Wolken.

Er nahm das kleine Büchlein, legte es liebevoll in den öffentlichen Bücherschrank, nachdem er über den Einband gestrichen und Staub weggeblaßen hatte. „Danke!“, rief er. Dann setzte er einen Schritt vor den anderen. Seine Haltung war aufrecht, sein Blick zielgerichtet. Heute werde ich sie fragen. Heute werde ich sie fragen, ob sie mit mir in diese Theatervorstellung geht. Er zückte das Handy und lächelte vor sich hin.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Aufgabe Du findest auf der Straße ein Buch, welches sehr mitgenommen aussieht. Plötzlich fängt es an, mit dir zu sprechen. Schreibe das Gespräch auf! Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

 

9 Kommentare

  1. Hi Sebastian,
    mir gefällt der Beitrag. Am Anfang viel Atmosphäre, der öffentliche Bücherschrank, das ist sowieso ein tolles Setting. Dann, dass das Buch sozusagen nicht selber spricht, sondern aus seinem Inhalt zitiert, das ist eine coole Idee! Vielleicht klau ich dir die … da hab ich nämlich jetzt selbst eine Idee bekommen, wie ich diese Aufgabe lösen würde, hach, aufregend!
    Mein Beitrag ist über Gwenny
    LG, Daniela

    • Sebastian Nachdenker

      Liebe Daniela,
      freut mich, dass dir der Text gefällt und er eine Inspiration ist :). Deinen Text lese ich die Tage.
      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

  2. Hallo Sebastian,

    super gelungen, dein kleiner aber feiner Text. Find es schön, dass dein Protagonist Mut und Kraft aus den zwei Zeilen des Buches zieht. Manchmal ist es so einfach, man muss es nur sehen.

    Mein Beitrag handelt von Wünschen und Ängsten. Falls du Lust darauf hast, findest du ihn HIER.
    GlG, monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo monerl,

      vielen Dank, ja ich mag Prägnanz. Gerne schaue ich auch deinen Text an 🙂 .

      Liebe Grüße
      Sebastian

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