Warum Naivität ein Wert ist

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Betrachtung zum Monatsspruch September 2015

 

Was löst der Begriff Kinder bei Ihnen aus? Vielleicht zweierlei Gedanken: Unbeschwert sein und lernwillig; aber auch klein, noch nicht erwachsen. Die Bibel bedient sich der Metapher

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Kinder beim Spielen — unbeschwert? Bild: © Dieter Schütz/ pixelio.de

Kinder Gottes“. Der Monatsspruch September aus Matthäus 18,3 heißt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“

Irgendeine Art von Naivität ist für Jesus anscheinend ein Wert. Dabei ist naiv zu sein nicht unbedingt das Gleiche wie dumm zu sein, was das folgende Zitat zeigt: „Lieber naiv als korrupt. Lieber seh‘ ich die Welt mit Kinderaugen als mit den verblendeten Augen der Macht und der Gier“, ruft Konstantin Wecker in seinem neuen Lied „Willy 2015“. Und doch habe ich schon Menschen erlebt, die vermuten: Kinder Gottes wird gesagt, damit die Leute klein gehalten werden. Aber Kinder Gottes heißt vielleicht einfach, das Staunen zu behalten. Bei dem Ausdruck „Kinder Gottes“ gilt es also zu übertragen; der Theologe Peter Müller (2002: S. 142) bringt das Beispiel „Zähne der Säge“. Jemand, der den Ausdruck richtig versteht, denkt nicht an die weißen Beißer, die viele Menschen im Mund haben, sondern sieht vor sich scharfe Kanten, mit denen man gut sägen kann.

Kinder Gottes sind Menschen, die an Gott glauben und ihn liebevoll Vater nennen. Der Vater zeigt vielleicht den Kindern manchmal ihre Grenzen auf, nach dem Motto: „Dafür bist du noch zu klein“. In meinen Bekanntenkreis erlebe ich zurzeit oft, wie sich Bewerber selbst geeignet und gut qualifiziert sehen und dann wird ihnen abgesagt, oft mit den typischen Phrasen „Aufgrund der Vielzahl an Bewerbungen …“. Bewerben wird eine Grenzerfahrung. Kinder Gottes sein heißt: Die Hoffnung behalten. Kinder kennen oft weniger Bedenken als Erwachsene. Daher heißt Kinder Gottes auch: Ich glaube an etwas, das ich nicht ganz verstehe, aber was mir doch gewiss ist. Das ist eine Naivität, die trägt.

Literaturhinweis

Zum Weiterlesen: Peter Müller (2002): Gottes Kinder. Zur Metaphorik der Gotteskindschaft im Neuen Testament. In: Jahrbuch für Biblische Theologie (JBTh) 17. S. 141-161.

 

 

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