Veränderung des Herzens: Gedanken zur Jahreslosung 2017

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Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Bild: © Dieter Schütz / pixelio.de

Einige sprachliche Bilder greifen heraus, wie jeder Mensch von persönlichen Denk- , Wahrnehmungs- und Handlungsmustern geprägt ist. Da heißt es etwa „In seiner eigenen Welt zu leben“, „Alles ist subjektiv“ oder im wissenschafltichen Sinne: „Die Welt ist konstruiert im Kopf“. Kennen Sie Situationen, in denen Sie sich selbst blockieren, obwohl Sie auf einer rationalen Ebene eigentlich besseren Wissens sind?

In solchen Blockade-Situationen kann Gottes Wort wie geistiger Balsam sein. In der Jahreslosung 2017 heißt es: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36,26). Mit der Jahreslosung korrespondiert das 11. Kapitel aus Hesekiel: „Ich will ihnen ein anderes Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus ihrer Brust und gebe ihnen ein lebendiges Herz.“ (Hesekiel 11,19). Wie kann das Herz im metaphorischen Sinne verstehen?

„Eine neue Erde“


„Man sieht nur mit dem Herzen. Das Wesentliche ist tür die Augen unsichtbar“ ist ein geflügeltes Wort aus dem kleinen Prinzen. Denke ich mit dem Herzen, dann löse ich mich vor dem  Offensichtlichen der Wahrnehmung. Ist nicht das Herz der Ort für Hoffnung und Tiefe? Sehe ich nur, was ist, und glaube, dass sich nichts ändert, binden mich die Gedanken an das Bisherige. Das Herz träumt, das Herz schwingt mich hinauf auf eine Leiter, auf eine Treppe oder auf einen Pfad hinauf auf den Berg. Manchmal mag es wackeln, manchmal werden Windböen stark sein, manchmal fehlt der Leiter eine Sprosse, aber führt die Leiter nicht doch irgendwann ins Licht? Wenn ich weit gekommen bin, dann kann ich vielleicht wieder glauben: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da.“ (Offenbarung 21,1).

treppe

Eine Treppe, die nach oben führt. Am Ende deutet sich ein kleines Licht an.

Innere Freiheit

Dieses Neue, was aufbricht, vergleiche ich mit einem Kribbeln: Nach einem Umzug zum ersten Mal die Straßenzüge um die Wohnung gehen, zum ersten Mal eine Sportart ausüben oder einfach ein kleines Wagnis eingehen — tun wir solche Dinge, öffnet sich ein innerer Freiheitsraum, denn ich habe in mir etwas überwinden, was mir bis dahin nicht möglich erschien. In letzter Zeit gefällt mir beim Fotografieren das Motiv des Vogels sehr gut — der Gedanke, die Flügel auszubreiten und sich im Wind gleiten zu lassen, hat für mich auch einen Freiheitsraum. Manchmal hilft in der Kommunikation auch die Vorstellung, ich betrachte mich und die Situation von oben, aus der Vogelperspektive, wie ein unabhängige Schiedsrichter.

Angst vor der Selbstwerdung oder einfach nur Melancholie?


Um die innere Freiheit zu verstehen, ist es sinnvoll, sie mit einem Gegenbegriff zu kontrastieren: Die Angst vor der Selbstwerdung. Metaphorisch gesprochen: Ein Senfkorn bleiben wollen, obwohl längst in einem etwas aufkeimem könnte. In der Partnerschaft etwa will ein depressiver Mensch möglichst viel Nähe und hat Verlassensängste. In Folge dessen tut jener Mensch sehr viel für andere. „So macht er [der depressive Mensch] eigentlich aus der Not eine Tugend und meint, etwas hinzugeben und zu opfern, was er noch gar nicht entwickelt hat und besitzt: sein Ich.“

Diese These ist aus mehreren Gründen zumindest abzuschwächen: Zum einen homogenisiert Riemanns These die Gruppe aller Depressiven und negiert die Unterschiede der einzelnen Menschen. Zum anderen wirkt es znyisch, jemanden abzusprechen, keine Identität zu besitzen.

Ein traurig schauendes Mädchen hält eine Tasse in der Hand und sitzt vor dem Fenster. Draußen ist eine Winterlandschaft zu sehen.

Melancholie kann einfach ein Charakterzug sein. Bild: © JenkoAtaman/ Fotolia.com

Manchmal werden Charakterzüge wie Melancholie auch unnötig pathologisiert: Melancholie, so der Philosophie-Professor und Lebenskünstler Wilhelm Schmid, ist erst einmal eine Haltung zum Leben: Die Dinge tiefsinniger zu sehen und die Vergänglichkeit zu spüren — Tod und Veränderung — das Leben besteht nun einmal nicht nur aus Freuden — das Glas ist manchmal nicht halbleer oder halbvoll, sondern ganz leer.

Die Kunst besteht dann darin, das Leben anzunehmen und einen realistischen Blick einzunehmen. Der Mensch, der mit der Veränderung lebt anstatt festhalten zu wollen, für den kann sich das Herz täglich ein bisschen verändern: Mal wird es weicher, dann härter, manchmal pulsiert es vor lauter Gedanken, manchmal schlägt es langsam. Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.


Literaturhinweise

Fritz Riemann: Die Angst vor der Selbstwerdung. Die depressiven Persönlichkeiten. In: Fritz Riemann (2003): Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. München: E. Reinhard: S. 59-104. hier S. 63.

Antoine de Saint-Exupéry (2015): Der kleine Prinz. Mit Zeichnungen des Verfassers. Leipzig: Buchfink. S. 82.

Wilhelm Schmid (2012): Un-Glücklich Sein. Eine Ermutigung. Berlin: Insel. S. 51-58.

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