Harmonische Freude

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#WritingFriday #9

Es war ein warmer Juli-Tag, als sich die Kälte in seinem Herz auflöste. Immer wenn er sie gesehen hatte: die fröhlichen Menschen, die händchenhaltenden Paare, die Kinderwagen, glaubte er, zwischen ihm und der Umwelt sei diese unsichtbare Wand. Doch heute spürte er, wie sehr der Blick auf die Welt aus der Warte der Kränkung war. Ja, er war eitel gewesen, auch verletzt.

Die Kunst des Lebens, für ihn bestand sie darin, sich selbst Sonnenschein zu schenken, ganz unabhängig davon, was andere taten. Geduldig setzte er einen Fuß vor dem anderen, sein weiter Blick war wie ein offenes Herz. Heute war er dieses ich-bin-einer und einer-von-euch. Einer-von-vielen, aber nicht irgendeiner, sondern ich-selbst. Er setzte sich auf die Bank auf dem Marktplatz. Seit einigen Minuten freute er sich, hier, an seinem Platz, sich dem Genuss einer Zigarette hinzugeben. Kurz schloss er die Augen, es bitzelte in seinem Körper und Neuronenfeuer schenkte ihm ein Glücksgefühl.

Seit fast zwei Wochen malte er sich aus, sie wiederzusehen. Er war selbst erstaunt, wie wenig Ungeduld er in sich hatte. Sonst hatten viele Frauen einen großen Haken um ihn geschlagen, weil er mit seiner direkten Art für viele berechnend, strategisch wirkte. Aber bei ihr mit ihrer Direktheit war er gelassen. Er schloss kurz die Augen. Er wusste, die Fantasie war stark in ihm und wenn er dann zurück auf dem Boden der Tatsachen fiel… aber heute vollbrachte er ein geistiges Kunststück: Es waren einfach die Bilder in seinem Kopf, die Erinnerungen. Neben ihr stehen. Wie sie sich eine Zigarette drehte. Lachen können, ein wenig unsicher sein, beide.

Eine Raupe muss viel fressen, eine Raupe tut gut daran, sich in einem Kokon zu verpuppen, aber eine Raupe kann an sich selbst ersticken, wenn sie nicht zum Schmetterling würde. So vieles schien ihm unmöglich, so vieles war doch nur Steinwurf entfernt; so als ob in einem Text nur noch die i-Punkte fehlen würden.

Als er zum Himmel empor sah, zogen sich die Wolken zusammen. Ein Sommergewitter? Das Wiedersehen. Ihm war klar, er konnte nichts planen, außer sich bewusst machen, was er sich wünschte. Er konnte nichts mit Sicherheit wissen, aber er konnte etwas riskieren. Er mochte sich, wie er gerade war. Denkend, handelnd, fühlend, alles in einer schönen Komposition. Ob die Melodie seines  Lebens noch eine zweite Stimme bekommen würde, das würde sich in den nächsten Wochen zeigen. Er lächelte, als sich die Wolken gerade doch wieder verzogen.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Aufgabe Schreibe eine Story, bei der folgende Wörter irgendwo darin auftauchen: Sonnenschein, ungeduldig, Kunststück, Raupe und Sommergewitter. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

10 Kommentare

    • Sebastian Nachdenker

      Dankeee. Ich freue mich sehr. 😊😀 Eine schöne Aufgabe, weil die gegebenen Wörter wie ein Gerüst sind, daher danke auch an dich zurück.

  1. Hey Sebastian,
    schöner Text. Mir gefällt, dass du viele der zu benutzenden Worte als Bilder/Metaphern verwendet hast.
    Grüße, Katharina.

    • Sebastian Nachdenker

      Hey Katharina,
      danke für deine Worte, dich mich erfreuen 😊. Wenn du sagst „viele Bilder gefallen dir“: Ist ein Bild deiner Meinung nach schief? Ich würde dann die Passage ggf. überarbeiten.
      Viele Grüße zurück
      Sebastian

      • Nein, ich meinte nur, dass es mir gefällt, dass du Bilder benutzt hast, statt die einfache Bedeutung, z.B. bei Raupe. 🙂 Ich glaube nur Sommergewitter hast du im wortwörtlichen Sinne verwendet. Das finde ich sehr kreativ gelöst.
        Grüße, Katharina.

  2. Guten Morgen Sebastian,

    diese Geschichte ist dir wieder sehr gelungen. Die verbreitet ein wohliges, freudiges und ausgeglichenes Gefühl. Man fühlt sich dem Protagonisten nah. Auch ich mag deinen Schreibstil. Und ich benutze tatsächlich das Wort „Stil“, denn ich habe das Gefühl, dich darin wiederzuerkennen. Das ist echt klasse, denn so lange lese ich nun deinen Beiträge auch nicht und doch glaube ich, dass ich, gäbe man mir z.B. drei Texte, deinen herausfiltern könnte. 🙂

    Ich habe für heute einen BEITRAG der etwas anderen Art vorbereitet. Bin gespannt, wie er dir gefällt. 

    GlG, monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Guten Morgen, Monerl,

      danke, ich freue mich sehr :)) — ist das Lob ja das Gegenteil von dem, dass ich jemanden imitieren würde.

      Ganz liebe Grüße zurück
      Sebastian

  3. buchvogel

    Hi Sebastian,
    mir gefällt, wie meinen Vorpostern auch, dass du die Wörter auch als Metapher benutzt hast, bzw. dass es nicht um eine Raupe oder ein Gewitter geht, sondern die wirklich kunstvoll-beiläuftig in die Geschichte eingewoben sind.
    Die Innenschau in deinen Protagonisten ist wirklich gelungen, ich kann seine Gedanken total nachvollziehen und ich sage auch, dass solche Menschen eine wirkliche Perle sind, von daher hoffe ich für ihm, dass die Frau seine Besonderheit erkennt.
    Bei mir geht es diese Woche um den Schreibtisch.
    Liebe Grüße
    Daniela

    • Sebastian Nachdenker

      Hi Daniela,
      danke, ich bin ganz gerührt und erfreut 😊. Ja, das Schöne im Inneren wird hoffentlich von der Frau erkannt, auch wenn das Musikinstrument eher leise Töne spielt.
      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

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