Bindungsmuster ewige Annäherung

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Lieben heißt: ein Gefühl ausdrücken

Es gibt sie, aber sie bleibt oft im Verborgenen: die Einsamkeit. Wortspiele kaschieren sie: „Ich bin nicht einsam, nur alleine“. Zweisamkeit dagegen wird oftmals weniger mit Freunden als viel mehr mit einem festen Freund, der Ehefrau oder Lebenspartnerin gesehen. Zärtlichkeit, emotionale Nähe und beidseitige Sexualität zählen zu den Bedürfnissen, die den Boden der Liebe brauchen. Von den den vielen Ratschlägen finde ich eine Unterscheidung besonders hilfreich: die zwischen Anpassung und Liebe. Es geht bei authentischer Liebe gerade nicht um Anpassung im Sinne einer Selbstoptimierung, sondern es geht um das Verstehen von eigenen Bedürfnissen und Gefühlen und wie sie im Gespräch ausdruckbar sind.

Asymptote

Für mich ist die Unterscheidung des Pudels Kern, denn wie das Gedicht Assymptote (Annäherungslinie) zeigen will: Wenn Gestaltungskünstler (dargestellt durch Bauchtänzerinnen) auf Anpassungsprofis (dargstellt durch Anzugträger) stoßen, ist die Liebe eine ewige Annäherung — es passt auf einer fundamentalen Ebene einfach nicht.

Doch zurück zur Einsamkeit. Sie ist ein subjektives Erleben, unabhängig von äußeren Umständen. Einsamkeit hängt mit den Gefühlen Trauer, Enttäuschung und Wut zusammen, ist ein seelischer Schmerz und hinter jeder Einsamkeit gibt es oft die stille oder auch sehr laute Sehnsucht nach Nähe. Intensives Suchen von Nähe zeigt auch Einsamkeit an, und erreicht das Gegenteil: Fluchtbewegungen.

Leistung und Ausdruck

Es gibt Liebe und Anpassung. Liebe ist ein Ausdruckswert, Anpassung ist ein Leistungswert.

Liebe führt zu Gleichgewicht und Ästhetik. Liebe drückt Wünsche aus. Liebe gestaltet eine Beziehung. Liebe lässt Abhänigkeit zu.
Anpassung ist Kontrolle. Anpasung möchte Nutzen. Anpassung erwartet die Erfüllung von außen. Anpassung möchte Sicherheit aus Angst vor Nähe.

Die Liebe ist dabei ein unsicheres Geländer, weil Gefühle sich wandeln, gleichzeitig hat sie etwas Müheloses, sich kennenzulernen und eine Beziehung aus Liebe wird mit der Zeit leichter, während die Anpassung immer schwerer wird, weil Machtmittel im Vordergrund stehen.

Sich annähern, ohne sich jedoch zu berühren.

Wenn ich an Kontakte zu Frauen zurückdenke, bei denen das Ende am Anfang war, dann sehe ich jetzt, dass meist der Anpassungsprofi auf die Ausdrückskünstlerin gestoßen ist oder umgekehrt. Zum Beispiel erlebe ich manchmal eine Faszination für Frauen, die ein starkes Bauchgefühl haben und sehr spontan Gefühle äußern. Doch anstatt selbst etwas auszudrücken, beginne ich, an mir selbst „schrauben“ zu wollen, wie ich spontaner Gefühle ausdrücken könnte. Hinter dieser Anpassung sehe ich auch eine Angst, Spontanes zuzulassen und zu riskieren, missverstanden oder zurückgewiesen zu werden. Andersherum habe ich auch erlebt, dass ich einfach etwas ausdrücken wollte, die Frau jedoch eine sehr technische Sicht hatte, so nach dem Motto: „Du hast noch nicht genug an Dir gearbeitet“.

Die inneren Glaubenssätze

Wenn Einsamkeit von Innen kommt, dann kann sie auch nur von Innen aufgelöst werden. Für mich sind das Denken, die Selbstdialoge der Dreh- und Angelpunkt. Ich habe den inneren Kompass umgedreht. Glaubenssätze wie „Ich bin bindungsfähig“ begleiten den Alltag und mit der Als-ob-Methode ist es möglich, sich so genau vorzustellen, wie die zukünftige Person sein soll, die man lieben wird, dass es irgendwann eintreten wird.

Deshalb überlegte ich: Wann bin ich gelassen? Zwei Beispiele sind mir eingefallen: beim Schwimmen und beim Gedichte-Schreiben. „Ich bin so gelassen und achtsam, als würde ich ein Gedicht schreiben“, dieser Satz hat Kraft. Aber Moment! Es soll keine Arbeit sein. Vielmehr sollen die Glaubenssätze eine Flüssigkeit sein, die das eigene Innere aufweicht und das Innere einfach nach Außen zeigen lässt, wenn man den magischen Moment spürt.

Literaturhinweise

  • Wolfgang Schmidbauer (2008): Die Angst vor Nähe. Reinbek bei Hamburg: Rowolth.
  • Eva Wlodarek (2015): Einsam. Vom mutigen Umgang mit einem schmerzhaften Gefühl. München: Kösel.

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