Nur wer ein Kind bleibt…

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Einsame Figuren in der Literatur 1: Der Kleine Prinz

Das Originalcover von 1943. Bild: Antoine de Saint-Exupéry, gemeinfrei, bereitgestellt durch wikimedia.

Eine Art stößt bei vielen sachlichen Erwachsenen auf großen Widerstand: naiv fragen und Leute darauf stoßen, was sie eigentlich nicht wissen, obwohl sie einem viele Fakten zu ihrem Fachgebiet um die Ohren hauen können. Der Kleine Prinz, verfasst von Antoine de Saint-Exupéry, 1900-1944, ist ein Vertreter jener Art: Er eckt durch seine Aufrichtigkeit an, während alle anderen in ihrer Rolle gefangen bleiben. Doch trotz alledem hat der Kleine Prinz eines mit denen gemeinsam, die er besucht: er und sie sind einsam. Eine literarische Spurensuche.

Der Kleine Prinz hat für sich eine innere Freiheit entdeckt: Die Dinge, die er wahrnimmt, könnten theoretisch auch ganz anders sein. Daher besucht er unterschiedliche Planeten und möchte verstehen: Warum sind die Dinge gerade, wie sie sind, und nicht anders. Gleichzeitig empfindet der Kleine Prinz mit und sieht, wie die Figuren glücklicher sein könnten.

Wer einsam ist, fühlt sich manchmal nur als ein Schatten seiner oder ihrer selbst. Bild: © CFalk / pixelio.de

Der rote Faden der Besuche ist dabei das unterschiedlich ausgelebte Konzept von Anerkennung: Sei es Macht, Applaus, Geld, Drogen, Entspannung, Effizienz, Individualität — für genauere Details siehe auch unten stehende Tabelle.

Dahinter liegt eine feine Psychologie: Die Bewohner — und man kann gedanklich hinzufügen: Bewohnerinnen — der Planeten wünschen sich Anerkennung, aber nur innerhalb ihres Rahmens. Auf Vorschläge des Kleinen Prinzen können sie nur sehr bedingt eingehen. Der kleine Prinz ist insofern klein, weil er erst noch verstehen möchte, während seine erwachsene Umwelt in den Grenzen ihres buchstäblich engen Weltbildes gefangen ist. Gewissermaßen sind die kleinen Planeten in dem Kleinen Prinzen eine Typologie der Erdbewohner: Jede/r Bewohner/in auf ihrem kleinen Planeten kommt sozusagen auf der Erde vielfach vor.

Figurenübersicht im Kleinen Prinzen

Figur Was sie sich am meisten wünscht Wovor sie am meisten Angst hat
Die kleinen Planeten
Die Rose Fürsorge, damit es ihr gut geht Gleichgültigkeit
Ein König Einen Untertan, um ihm Befehle zu geben Ungehorsam
Ein eitler Typ Bewunderung, vor allem in Form von Applaus Ignoranz
Ein Säufer Alkohol, um zu vergessen Scharmgefühle wegen des Trinkens
Ein Geschäftsmann Betriebswirtschaftliche Perfektion in Form von Berechnungen Zu wenig zu arbeiten bzw. sich kindlich zu geben
Ein Laternenanzünder Eine sinnvolle Aufgabe, die er mit hoher Zuverlässigkeit nachkommt Etwas nur für sich zu tun bzw. die Vorschriften missachten
Ein alter Geograph Neues Wissen aus Forschungsreisen, um es in Büchern für die Ewigkeit festzuhalten und moralisch zu beurteilen Praktische Erfahrung und Endlichkeit
Die Erde
 Die Ringelnatter Jemanden verführen, sich vergiften zu lassen, und damit Macht um Leben und Tod haben Schwachheit
Eine Blume in der Wüste Bodenständigkeit und Bescheidenheit Die eigene Verwurzelung verlieren
 Rosen im Garten Zu einem Kollektiv gehören Individiualität
 Der Fuchs Sich zähmen lassen Anonymität
Der Weichensteller Richtiges Verschicken der Züge Nicht wissen, was man will
Der Kioskbesitzer Effizienz Langsamkeit

Der Kleine Prinz möchte aus der Distanz die Liebe zu seiner Rose verstehen. Gewissermaßen passt die fürsorgliche Art des Kleinen Prinzen genau zu der Rose, die umsorgt werden möchte. Trotzdem scheint es auf eine Weise eine unerwiderte Liebe zu bleiben. Weder nur selbstlos sein, noch nur egoistisch sein kann ein tragfähiges Element einer Beziehung sein. Was mit dem Kleinen Prinzen am Ende der Geschichte passiert, ist magisch: nach Hause kommen wollen und doch in einen Abgrund fallen. Doch eines ist klar: Es gibt kein Happy End mit der Rose, zumindest nicht in jener Welt der Kleinen Planeten, vielleicht in einer anderen Dimension, die in dem Buch nur angedeutet bleibt.

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