Umkehr des Erwartbaren

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Gedanken zum Monatsspruch September 2017

„Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.“ (Lukas 13,30) — der Monatsspruch September 2017 hat es in sich. Zwei Bilder sollen die Worte Jesu verdeutlichen:

  1. Bei der Halbjahreszeugnisausgabe hat die Lehrerin die Zeugnisse dem Alphabet nach von A bis Z ausgeteilt, doch beim Jahreszeugnis sagt sie sich: aus Gerechtigkeit beginne ich heute rückwärts: Die Ersten werden die Letzten sein.
  2. Vor der Supermarktkasse hat sich eine Schlange gebildet. Der letzte Mann mit Einkaufswagen stößt hinzu, als eine neue Kasse aufgemacht wird. Der Mann wechselt die Kasse und wird als Erster abkassiert: Die Letzten werden die Ersten sein.

Die Ersten werden die Letzten sein bei der Ausgabe des Schulzeugnisses, wenn die Lehrkraft im Alphabet bei Z und nicht bei A beginnt. Bild: © Tim Reckmann / pixelio.de

Die Letzten werden die ersten sein, wenn im Supermarkt plötzlich eine zweite Kasse geöffnet wird. Bild: © Thommy Weiss / pixelio.de

Wenn man diese beiden Beispiele verallgemeinert, könnte man sagen: Das vermeintliche Recht des Stärkeren wird umgedreht zugunsten eines Rechts des Schwächsten. Blickt man auf die die politische und ökologische Lage der Welt, fällt es mir schwer, das als faktisch gegeben anzusehen. Die Vermögensverteilung ist so aufgebaut, dass wenige sehr viel haben. (Quelle: Oxfam.) Von den klimaschädlichen CO2-Ausstößen haben vor allem die Staaten am meisten Nachteile, die am wenigsten CO2 ausstoßen. Zum Beispiel Kiribati.

Blicken man und frau in die benachbarten Verse von Lukas 13,30 sieht man: Die Worte Jesu sind in der Rede vom Reich Gottes eingebunden. Hierbei lautet die klassische Frage: Wann bricht es an? Ist es schon angebrochen, oder noch nicht? Das Monatsspruch ist der Abschlussatz bei der Rede vom der engen und weiten Pforte.

Bild: Hans Memling (verstorben 1494) / Muzeum Pomorskie, bereitgestellt unter freier Lizenz durch http://www.malerei-meisterwerke.de

Die Rede von der engen Pforte

In manchen evangelikalen Kreisen wird die Rede von der engen Pforte sehr wörtlich verstanden, als Pforte zum Himmel. Die Himmelspforte wurde an den Gedanken des Jüngsten Gerichtes gekoppelt. Ein Relikt aus einer Zeit vor der Aufklärung, wie die nebenstehende Abbildung zeigt.

Diese Interpretation ist sehr gefährlich. Sie ist einerseits ein illegitimes Macht-Instrument für Geistlichkeit, andererseits geht sie von einer Werkgerechtigkeit aus mit folgender Logik: „Leiste zuerst etwas, dann wirst du eventuell Gottes Gnade erhalten, aber nur wenn du dich vollkommen verausgabst.“

Demut statt Selbstgerechtigkeit

Beten und sich dabei zu sich selbst distanzieren, ist eine Form von Demut. Bild: © gpointstudio / Fotolia.com

Mir schwebt ein ganz anderes Konzept vor, nämlich das, mit dem ich den Monatsspruch interpretiere: Demut. Ich verstehe die Rede von der engen Pforte als Warnung vor Selbstgerechtigkeit. Bei Lukas 18,9-14 wird deutlich: Der reumütige Zöllner erobert Jesu Herz, nicht der selbstgerechte Schriftgelehrte: „Ich sage euch: Dieser [der Zöllner] ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener [der Schriftgelehrte]. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ (Lukas 18,14).

 

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