Stopp sagen und dabei freundlich bleiben

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Gedanken zum Thema Abgrenzung

Ohne ein Schild wären auch Landesgrenzen unklar — das Gleiche gilt beim Sich Abgrenzen im psychologischen Sinne.

Zu sich stehen, aber auch die Bedürfnisse und Gefühle von anderen ernst nehmen — das ist ein Spagat. Ein Spagat, für den man manchmal wie für eine Meisterschaft übt, besonders als Hochsensibler. Auf dem nebenstehenden Bild wird auch deutlich: Die gezogene Grenze ist nur virtuell durch die Schrift vermittelt, es gibt keine physische Mauer. Es ist eine Grenze mit Durchlässigkeit.

Doch manchmal igelt man sich ein oder man grenzt sich übermäßig ab. Die Angst, jemanden zu verletzen, ist eines von vielen Motiven, das zur Gewohnheit führt, die eigenen „Grenzen  weder  für  sich  klar  zu  definieren,  noch  diese  zu kommunizieren,  sondern  zu  hoffen,  dass  sich  die  Situation [bzw. der Konflikt]  von  selbst  irgendwie verbessern wird“ — so liest man auf www.zartbesaitet.net. Welche Spannnungsfeilder gibt es beim liebevollen Abgrenzen?

Konfliktfelder im Alltag

  1. Jemand nimmt eine Last ab, die man selbst tragen möchte. Als Beispiel kann sein, dass jemand, weil er oder sie schneller denkt, für einen antwortet.
  2. Jemand manipuliert einen — mit Suggestivfragen oder moralischen Appellen, um Gewissenbisse zu erzeugen: „Was soll ich nur ohne dich tun? Du musst mir helfen“.
  3. Jemand fordert etwas und man meint, er oder sie hätte ein Recht darauf, obwohl er oder sie eigentlich um Sympathie werben müsste. „Kannst du mal 50 Euro leihen?“

Interessanterweise spürt man eigentlich, wenn jemand die eigene Grenze verletzt. Und trotzdem lässt man es manchmal zu und verbiegt die Sichtweise, indem man dem anderen ein Recht zuweist, die eigenen Bedürfnisse verletzen zu dürfen — eine Denkfalle.

Rechtzeitig aus einer unguten Situation herausgehen

Ein Beispiel für Abgrenzung ist das Bedürfnis nach Komfort und Ruhe. Nicht jeder Mensch will stundenlange Partys erleben. Die Kunst ist es in solchen Situationen, zu sich zu stehen und trotzdem freundlich zu bleiben. In manchen Fällen passiert es, in einer Situation länger zu bleiben als es guttut. Im Ergebnis wird man dann ungehalten. Die wenigsten Menschen können nachfühlen, wie lange man schon gehadert hat, sodass es zur paradoxen Situation kommt: Obwohl man eigentlich hochsensibel ist und starke Antennen für die Umgebung, die Gefühle und Bedürfnisse anderer hat, bekommt man den Vorwurf, egoistisch zu sein.

Diese Grafik verallgemeinert das obige Beispiel. Ausgangspunkt ist das Spannungsfeld zwischen Euphorie (Türen sollen weit aufgehen) und dem Bedürfnis nach Rückzug (Türen sollen geschlossen werden). Die Lösung, um wieder euphorisch sein zu können, ist Entspannung. Wenn man zu lange das Bedürfnis nach Rückzug ignoriert, kann es zu einem Overload kommen, einer Reizüberflutung, einer Überbelastung durch die Wahrnehmung. Infolgedessen operiert der Körper nur noch im Not-Stress-Modus, sodass man unter Umständen schnell flüchten muss oder gegenüber anderen aggressiv wird.

Die Kunst ist es, sich rechtzeitig, am besten vorbeugend, sachlich zu erklären: „Ich fand die vergangenen zwei Stunden sehr angenehm, aber jetzt merke ich gerade, dass mir die Umgebung zu anstrengend wird, daher werde ich jetzt gehen. Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“ Dann führt quasi die Euphorie direkt zur Entspannung, bevor das Bedürfnis nach Ruhe in einen stark aufschreit.

Literaturhinweise

  • Sabine Dinkel (2016): Hochsensibel durch den Tag. Raus aus der Reiz-Überflutung. Gelassen durch alle Alltagssituationen. In Zusammenarbeit mit www.hochsensibel.org. Hannover: Schlütersche Verlagsgesellschaft.
  • Ulrike Hensel (2013): Mit viel Feingefühl. Hochsensibilität verstehen und wertschätzen. Paderborn: Junfermann (Reihe aktive Lebensgestaltung Hochsensibilität).
  • Georg Parlow (2014): Zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. Wien: Festland-Verlag.
  • Rolf Sellin (2014): Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität – vom Manko zum Plus; [mit Test: sind Sie hochsensibel?]. München: Kösel.

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