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#WritingFriday #5

Gwenny hatte nun endlich begriffen, dass sie weg gehen musste. Wohin, das ahnte sie selber kaum. Gehen, nicht flüchten, das war für ihren Kopf wichtig. Wie die Ameisen hörte sie ihre Schwestern zusammenkommen. Zugleich murmelten sie den Rosenkranz. Sie seufzte. Vor sich liegen

hatte sie ein Bild aus der Zeit, als sie 18 Jahre alt war. Obwohl sie hübsch war, hatte sie sich nicht leiden können, ja hasste ihren Körper. Seine, Gregors Tränen, waren bald zärtlich, bald verzweifelt, als er ihr sagte: „Ich liebe dich so wie du bist.“ Sie freute sich und schloss ihn in die Arme, aber in der Hinterstube ihres immer denkenden Geistes bohrten die Zweifel in ihr weiter. Wer bin ich? Was will ich? Ihr Zimmer — ein Tisch, ein Bett, ein Schrank — bot eine gewisse Zeit die Struktur und Ordnung, die sie in sich selbst nicht fand. Sie blickte ein letztes Mal auf ihr Schreiben. War es feige, ohne persönlichem Abschied zu gehen?

Nach fast einem Jahr stand sie ohne Habit im Zimmer und sie hatte den Eindruck: Fehlen tut ihr nichts. Sie war Novizin gewesen, ihr Gelübde stand noch aus. Neben dem Brief lag die Einheitsübersetzung auf dem Tisch. Viele Zettelchen, Markierungen, Gedanken zierten die Bibel. Die Suche nach Liebe, so konnte man alles zusammenfassen. Etwas, was ihr außerhalb erschien, fand sie tief im Inneren. Das unschuldige Kind in ihr, jenes zeigte ihr: Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu.

Sie lächelte. Zum ersten Mal spürte sie, dass ihre zivile Kleidung ihre schönen Seiten betonte. Sie streichelte sich selbst, über ihr Gesicht und über ihre Arme. Sie nahm ihre weiche Haut wahr. Sie hörte in ihren Bauch hinein. Er war freudig. Der Kloß in ihrem Hals hatte sich auch gelöst. Was sollte sie noch hier halten? Da erinnerte sie sich an Gregor, den sie verließ, weil sie glaubte, ihn nicht zu verdienen. „Ach, Gregorchen …“, murmelte sie. Jäh wandte sie sich vom Tisch ab, so dass der Stuhl umfiel. Die Bibel legte sie zu oberst auf die Tasche, sonst war alles gepackt. Der Reißverschluss war leicht zu schließen. Dann zögerte sie.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Aufgabe Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Gwenny hatte nun endlich begriffen, dass sie weg gehen musste“ beginnt. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

 

19 Kommentare

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Gina,

      schön, dass du auf die Geschichte gestoßen bist. Das freut mich, dass sie dir gefällt 😊.

      Liebe Grüße
      Sebastian

  1. Beide Wege sind schwierige Entscheidungen. Sich Gott in allem zu verschreiben und dann sich wieder zu befreien. Aber es ist wie in einer langjährigen Beziehung. Wenn es nicht mehr passt, passt es nicht.
    Ein aussterbender Zweig. Obwohl ja viele sich wirklich berufen fühlen zu helfen. Leider ist die Kirche nur eine Farce und hat nicht wirklich was mit Glauben zu tun.
    Schön umgesetzt.

    • Sebastian Nachdenker

      Danke für die Rückmeldung, das freut mich 😊. Ja, Gwenny steht vor dem ausschließenden Oder Mann oder Gott. Ja, es menschelt auch in der Kirche und ich wünsche mir an einigen Stellen auch mehr Selbstkritik, wie Jesus selbst sagte “ Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. “ (Lukas 15,7)

  2. Hi Sebastian,
    ich fand die Kurzgeschichte gut, nur das mit der Schuld, die sie fühlt, hab ich ehrlich gesagt, nicht ganz verstanden.
    Am Ende gefällt mir dieser offene Schluß, dass sie eben zögert. Und wir wissen nicht, wird sie gehen oder bleiben? Es ist beinah so wie eine juckende Wunde unter einem Heftplaster … argh!!

    Heute gibt’s bei mir die Fortsetzung von letzter Woche – Luise und DAS BUCH.
    LG,
    Daniela

    • Sebastian Nachdenker

      Hi Daniela,
      vielen Dank. Es freut mich, wenn dir die Geschichte gefällt. Stimmt, das Motiv mit der Schuld bleibt nur angedeutet. Ich glaube, da werd ich noch ein wenig überarbeiten.
      Oje, hab ich dich so sehr auf die Folter gespannt?! Ich kann ja mal aus dem Nähkästchen plaudern: In der ersten Fassung geht Gwenny nach draußen und hört noch eine Lesung: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde…“ Das kam mir dann zu abgeklatscht vor. Aber daraus siehst du die Tendenz deutlicher 😊
      Danke für den Link, war ich mit viel Lesegenuss drauf.
      LG
      Sebastian

        • Sebastian Nachdenker

          Schön. Danke nochmals, dass du mich quasi auf den blinden Fleck im Text hingewiesen hast.

  3. Hallo Sebastian,
    das Zögern am Schluss ist spannend. Einerseits ist dein Ende damit offen, andererseits verlagerst du den ganzen Fokus. Erst habe ich mich noch gefragt, ob Gregor gewartet hat und jetzt frage ich mich nur noch, ob sie sich doch noch umentscheidet.
    Grüße, Katharina.

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Katharina,
      das freut mich, dass die Geschichte in deinem Kopf weiterging und du die Offenheit als positive Spannung erlebt hast 🙂
      Wir könnten ein wenig kooperativ weiterschreiben, abwechselnd, zum Beispiel du aus Gregors Sicht mit der Vorgeschichte ?!?! Mal schauen… schlaf wir vielleicht eine Nacht drüber…
      Viele Grüße zurück ^^
      Sebastian

      • Hn, schwieriges Thema. Vielleicht fällt mir was ein. Per se finde ich die Idee aber super. 🙂
        Grüße, Katharina.

        • Sebastian Nachdenker

          Ja, ich sehe es mittlerweile gefühlsmäßig als schöne Idee 😊, ohne sich persönlich zu kennen, bestehen wohl organisatorische Hürden…

  4. Hallo 🙂 spannend was du aus diesem Satz gemacht hast, ich finde es allgemein immer sehr spannend, wie besonders diese Aufgabe ganz unterschiedlich ausfällt. Ich glaube auch wenn du den Schluss offen gelassen hast, hat sich Gwenny innerlich schön für ihren persönlichen richtigen Weg entschieden.
    Ein schönes Wochenende!

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Elizzy,
      ja, das finde ich auch. Durch den WritingFriday bin ich auf viele unterschiedliche Texte gestoßen. thx to you 😊
      Ja, das sehe ich mit Gwenny auch so, dass es einige implizite Hinweise gibt, was sie tun wird.
      Dir auch ein schönes Wochenende.
      Sebastian

  5. Pingback: Das Wiedersehen – nachdenker.info

  6. Hallo Sebastian,

    ich sehe, dass hier von mir gar kein Kommentar veröffentlicht ist! Da muss damals wohl was schiefgelaufen sein. Denn ich komme gerade von der aktuellen Geschichte wieder hierher zurück, um mich aufzugleisen.

    Also, mir gefällt dein Text sehr gut! Er ist stimmig und verständlich und liest sich schön flüssig. Im Gegensatz zu Daniela, dachte ich, dass Gwenny, trotz ihres Zögerns, das Kloster oder was auch immer, verlassen wird.

    GlG, monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Monerl,

      danke für die Rückmeldung, die mich erfreut 🙂 . Ich entschuldige mich für die technische Panne beim Kommentieren.

      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

      • Kein Problem! Hättest du keine Fortsetzung zu dieser Geschichte geschrieben, wäre es mir gar nicht aufgefallen. 😉 Alles hat seinen Sin… 😛

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