Vom Wert der Leere

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Pfarrer Bernd Müller-Teichert macht Mut zur Lücke

„Willst du spazieren gehen? Soll ich dir den Mantel bringen?“ — „Nein, danke, ich möchte hier einfach nur sitzen“ — erkennen Sie die Szene? Genau: Loriot. Für die Ehefrau, die selbst in der Küche wie wild ackert, ist es kaum verständlich, wie ihr Ehemann  einfach nur sitzen wolle. Viele Modewörter der Zeit sprechen auch eine andere Sprache: Event-Gaststätten und alles Mögliche wird „ultimativ“ oder „exklusiv“ oder „Premium“. Einen Gegenakkzent hat Pfarrer Bernd Müller-Teichert in der Lokstedter Christ-König-Kirche gesetzt: Mut zur Lücke, lebensphilosophisch verstanden.

 


Die Außen- und Innenansicht der Lokstedter Christ-König-Kirche.

Nicht glänzen, sondern dienen

Das Leben ist voller Entscheidungen. Eine Möglichkeit ist gleichzeitig alle Verneinungen der Gegenteile. Dass Pfarrer Müller-Teichert Theologe wurde, heißt gleichzeitig, er ist nicht Arzt geworden. Die realisierte Möglichkeit steht so den Leerstellen der vielen Umöglichkeiten gegenüber. „Wir sollen uns im Leben keine Denkmäler setzen“, fordert Müller-Teichert auf. Er blickt dabei auf das Markusevangelium (10,35-45) , in dem Jesus die Jünger Johannes und Jakobus zurückweist, zu seiner Linken und Rechten sitzen zu wollen. Nein, wer ganz noch vorne möchte, soll erst recht der Knecht aller werden.

Erhalten und weitergeben: ein Brunnen in Potsdam mit mehreren Schalen.

Eine Kerze reicht aus, um den Raum zärtlich zu erfüllen, ohne ihn zu überfrachten.

Die Leere gestalten

Für Müller-Teichert ist das passende Bild für das Leben ein Brunnen: Er hat mehrere Schalen, und das Wasser fließt von oben nach unten. Jede Schale nimmt Wasser auf, und gibt es wieder nach unten ab. Alles, was im Leben hätte sein können, darauf gilt es gelassen zu blicken: „Diese Leere haben wir und können wir nicht füllen. Sie ist einfach da.“ Manchmal kann gerade etwas Feines und Unscheinbares viel mehr den Raum erfüllen als die plumpe Fülle. Eine Kerze kann jeden im Raum anstrahlen. Die Leere gewinnt so Gestalt: Leicht und warmherzig, gelassen und friedlich.

Leere Bänke der Christ-König-Kirche. Auch am Sonntag sind sie nicht überfüllt, sondern jeder findet noch eine angenehme Leere vor.

Die Leere in sich spüren

Wer Yoga-Übungen mit vollem Herzen macht, dem fällt folgender Zyklus auf: Die Praktizierenden atmen schnell ein, atmen langsam aus und halten dann die Luft an. In diesem Moment ist die Leere spürbar. Es braucht die leere Lunge, damit sie sich wieder neu mit Sauerstoff füllen kann. Genauso kann es mit dem Essen sein: Wer in der Fastenzeit auf Zwischenmahlzeiten verzichtet, empfindet viel stärker einen leeren, hungrigen Bauch.

Auch an Ostern wird aus der Leere wieder Fülle — aus Tod wird Leben. Erschrocken finden die Jüngerinnen und Jünger Jesu das Kreuz leer, das Grab leer. Aber dann begegnet ihnen der Auferstandene. Ohne Tod keine Auferstehung.

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