Schlagwort: Psychologie

Werten oder mitteilen

Philosophie küsst Literatur: Woche #2

Ablauf in der Zusammenfassung

Woche #2: Das Zitat

Daß wir gerne sagen möchten ‚Das Wichtige ist das‚ — indem wir für uns selbst auf die Empfindung deuten, — zeigt schon, wir sehr wir geneigt sind, etwas zu sagen, was keine Mitteilung ist.

Ludwig Wittgenstein (1945) Philosophische Untersuchungen § 298.

Ich meine ja net, ich sag ja bloß…

Vor einigen Jahren erlebte ich eine Bürgerbeteiligung in Erlangen, in der es um die Sanierung einer Schleuse des Main-Rhein-Donau-Kanals ging. Als Mitarbeiter der Zeitung war ich ganz in der Rolle des Beobachters. Ich erlebte auf der einen Seite unsichere, wütende Bürger*innen, auf der anderen Seite den Versuch, mit Fakten auf Gefühle einzugehen. Ich hatte den Eindruck, so wirklich besser verstanden haben sich beide Seiten nicht.

Das Zitat von Wittgenstein macht deutlich: Viele Sätze der Sprache drücken etwas ganz Persönliches aus: einen eigenen, inneren Wert. Doch weil Diskussionen oft allgemein geführt werden, läuft auf der Vorderbühne ein Streit um Wahrheit ab, aber auf der Hinterbühne sind es Gefühle oder verletzte Gefühle oder Angst, verletzt zu werden.

Was brauchst du? Was fühlst du? Was wünscht du?

Schon seit Längerem mache ich mir Gedanken, warum es nicht viel länger schon möglich ist, die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg zu praktizieren. Statt sich hinter allgemeinen Argumenten zu verstecken oder jemanden indirekt zu beleidigen, legt jeder auf den Tisch, was er oder sie gerade braucht (Bedürfnis), empfindet (Gefühl), beobachtet und was er oder sie sich wünscht. Alleine dieser Schritt nach innen würde das Tempo eines Streites um einiges verlangsamen, denn es bedarf erst einmal der Klärung: Der Mund redet, aber was ist da eigentlich in meinem eigenen Körper los?

Wittgenstein zeigt mit seinen Zitat, dass es um eine Relativierung geht: Was wir empfinden und gut halten, hat mit unserer Biografie zu tun, mit Erziehung, mit Vorbildern, mit Grenzerfahrungen. Die Angst, jemand nimmt mich nicht ernst, brauche ich nicht zu haben, wenn ich mein Herz dem anderen ein wenig aufdecke. Der andere wiederum braucht keine Angst zu haben, einfach weggebügelt zu werden, denn er oder sie kann einfach genauso antworten, was er beobachtet, braucht, fühlt und wünscht. Denn die Methode lässt sich gut spiegeln: Was nehme ich wahr? Was vermute ich, dass du brauchst? Was meine ich, dass du fühlst?

Bei den eigenen Gefühlen sein

Fastenzeit der evangelischen Kirche: Zeig dich!

Anlässlich des neuen Fasten-Mottos der evangelischen Kirche: Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen ist mir in den Sinn gekommen: Sich zeigen, das heißt einen Blick in das eigene Innere freigeben. Sich trauen, spontan ein Gefühl zu zeigen. Ich habe festgestellt: Wer sich das Nachdenken sehr zu Herzen nimmt, verliert manchmal das Spontane. Ein Beispiel: Kürzlich ging es in einem Gespräch darum, den Beruf zu erraten. Obwohl mir als spontanes Bild sofort die Medienbranche einfiel, stellte ich diesen Impuls zurück, und landetete durch die Reflexion bei Logistik. Welcher Mechanismus ist hier genau abgelaufen?

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Einsamkeit und Sprache

Manchmal ist Leiden so groß, dass man sprachlos ist. Bild: © zdyma4 / Fotolia.com

„Was ist los?“, das könnte nicht nur eine rhetorische Floskel, sondern tatsächlich eine ernst gemeinte Frage einer nahen Freundin oder eines Freundes sein. Der Freund schaut in Ihr Gesicht und sucht nach einer Art eines vagen Gefühls, dass es Ihnen nicht gut geht. Dann kann es leicht passieren, um Worte zu ringen. Irgendwann gibt es dann vielleicht den Moment, in dem Sie sagen: „Bitte lass mich alleine.“ Die Sprache versagt in den Momenten, wenn Sie Leiden angemessen ausdrücken soll.

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