Philosophische Gedanken über die Stille

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Authentisch werden und sich selbst begegnen

 

Brennende Kerzen können dabei helfen, still zu werden. Im Bild die Kapalle der Evangelichen Studierendengemeinde Erlangen im Jahr 2014. Bild: Balcerowski

Brennende Kerzen können dabei helfen, still zu werden. Im Bild die Osterkerze 2014 der Evangelichen Studierendengemeinde Erlangen.

Stille. Still werden. Wir wollen still werden vor Gott. Der Wert der Stille lässt an mit Kerzen erleuchtete Kirchen, Meditation oder Einsamkeit denken. Aber wie still ist die Stille wirklich?

Oftmals ist die Stille in Kirchen auch eine vermeintliche. Ich kenne es allzu oft, dass Stille in der Kirche bedeutet, der Gottesdienstbesucher oder die -besucherin soll schweigen, aber die Orgel oder ein anderes Instrument beschallt den Raum, während die Gläubigen kontemplativ über ein Thema nachdenken — oder doch von der Musik abgelenkt werden. Oder der Pfarrer bzw. die Pastorin sagt: „Wir wollen still werden“ und spricht wenige Sekunden aber selbst laut ein Gebet.

Philosophie der Stille

Stille wird vor allem in der Abwesenheit erfahrbar, ob Straßenlärm, Handwerker oder Flugzeuge. In vielen Situationen wollen Menschen jedoch keine Stille. Am Telefon länger zu schweigen führt zu der Frage: „Bist du noch dran?“. Oder manchmal erfolgen indirekte Aufforderungen zum Reden: „Du bist heute so still …“. Blaise Pascal, ein Philosoph aus dem 17. Jahrhundert, meint in seinen Gedanken: „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können“.

Stille, gerade in Verbindung mit einer kargen Umgebung, führt zu einer Begegnung mit mir selbst. Musik oder andere Geräusche sind vielleicht manchmal auch wie eine Betäubung, um es besser mit sich aushalten zu können. Wovor erschrecken Menschen, wenn sie nur mit ihren Gedanken beschäftigt sind? Klar, Ablenkungen können gut tun, das liest man auch in Büchern gegen Stress, aber wenn es zu einem gesellschaftlichen Phänomen wird, Spaß an die erste Stelle zu setzen, sehe ich die Gefahr einer mittelfristigen Entfremdung.


Erich Fromm skizziert das an einem Beispiel: Eine Person kommt auf eine Party, und weil alle um sie herum lachen und albern sind, sagt die Person auf die Frage hin, wie es ihr gefalle: „Gut, ich amüsiere mich“. Aber als die Person aus dem Auge der Gäste heraustritt und den Heimweg antritt, fällt auf ihr Gesicht Traurigkeit. Aber dadurch, dass die Situation zu einer sozialen Regel geführt hat — „Wir amüsieren uns“ — konnte die Person ihrem eigentlichen Gefühlsleben nicht authentisch Ausdruck verleihen. Ähnlich ist es ja, wenn man auf die Frage „Wie geht es?“ einfach sagt: „Danke, gut“, anstatt aufrichtig zu antworten. Vermeidet man als Antwort eine Floskel, entsteht beim Gegenüber eine peinliche Stille.

Die echte Stille braucht es, um wieder zu sich zu kommen.

Literaturhinweis


Erich Fromm (1959): Den Unterschied zwischen dem Authentischem und dem Fassadenhaftem sehen. In: Erich Fromm: Authentisch leben. Freiburg: Herder. S. 141-155. hier: S. 149.

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Parade Stille, die der Mensch ist.

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