Gnade wie Liebe empfangen

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Im Reformationsjahr referiert Pfarrer Volker Zuber über Rechtfertigung

 

Volker Zuber vor seinem Ruhestand.

Nach seinem Ruhestand ist Pfarrer Volker Zuber erneut hinters Rednerpult getreten, um an seine über 30 Jahre dauerenden Vortrags- und Gesprächsabende als Gastredner anzuknüpfen. Am 20. Februar 2017 referierte er in St. Michael vor 30 Zuhörenden zum Thema Befreit vom Zwang zur Unschuld — Rechtfertigung heuteDer Theologe wünscht sich im Umgang mit den eigenen Schwächen mehr Gelassenheit: „Ich bin auch nicht besser als du, höchstens anders“, sagt er. Man solle seine eigenen Schwächen benennen anstatt sich zu verteidigen, wenn jemand sie nach wenigen Minuten im Gespräch sowieso aufgedeckt hat. Was ist ein sinnvoller Umgang mit Imperfektion und wie passt Rechtfertigung in unsere heutige Zeit?

Der Mensch ist unvollkommen. Ge- und Verbote versuchen das Zusammenleben möglichst allumfassend zu regulieren. Gesetze führten zu einer Spirale: Weil der Mensch das Gute, das er will, nicht tut, sondern das Böse, was er nicht will (vgl. Röm 7,19 ) würde es immer wieder zu Verschärfungen kommen, was beim Menschen noch mehr dazu führt zu täuschen, verbergen, verdrängen und zu lügen. Diese Spirale könne sich soweit hochdrehen, dass ein subtiler Hass gegenüber Gott oder einem abstrakten Schicksal entsteht. Dieser Hass kann sich in Aggression gegenüber Mitmenschen ausdrücken. Die Logik dabei ist: „Weil ich es nicht schaffe, perfekt zu sein, muss ich dich mit Nachdruck auf den rechten Weg führen, damit wenigstens du es schaffst.“

Verbote führen in eine Spirale von Verdrängung von Schuld und weitere Verschärfung von Verboten.

Gott kann wie ein Therapeut sein

Zuber sagt: „Der Mensch ist chronisch therapiebedürftig.“ Er setzt dem Perfektionsstreben das Vertrauen zu Gott gegenüber. Eine emotionale Reife sieht Zuber in dem Punkt: Man sieht zu sich aus einem Abstand: Das bin ich mit meine Stärken und Schwächen. Ein unreifer Mechanismus liegt darin, Schuld im Rundumschlag zu verteilen und wenn alles nichts mehr nützt, diejenigen zu vergraulen, die helfen wollen. Richtig verstandene Demut ist demnach: Sich auf Gottes Therapie sein Leben lang einzulassen und sich Gottes Gnade anvertrauen.

Die Gnade Gottes kann man mit Liebe vergleichen: Sie kann kein Zwang sein, sonst wäre sie wie ein Gesetz. Aber so wie man Liebe spüren kann, kann man Gottes Gnade erleben und empfinden, auch wenn man sie nicht benennbar ist. Genauso wie man eine Sinfonie erleben kann, hören und vielleicht in Farben sehen kann, aber schwer in Worte fassen kann.

Gleichnisse für Gottes Liebe

Den Gedankengang zeigt Zuber an zwei Gleichnissen: Der verlorene Sohn (vgl. Lukas 15,11-32) wird einfach in Gottes Arme aufgenommen, Gott der liebevolle Vater, der Papa. Das Gleichnis vom Weinbergbesitzer (vgl. Matthäus 20,1-16) wiederum zeigt eine Ungerechtigkeit Gottes nach menschlichen Maßstab: Jeder bekommt den Lohn, den er oder sie braucht, und nicht, den er oder sie verdient hätte.

Zuber hofft für die Zukunft, dass sich die Gesellschaft von einigem geistigen Müll verabschiedet: So wie Luther den gnädigen Gott gesucht hatte, trachtet heute der Mensch nach einer gnädigen Welt, zum Beispiel perfekte, funktionierende Technik. Für Zuber ist das auch eine Spielart der Werk-Gerechtigkeit: Gnade wird fälschlicherweise an Leistung gebunden. Zuber wünscht sich, dass sich mehr Menschen in ihrem Sein finden anstatt sich dabei zu verkrümmen, sich immer wieder neu zu erfinden. Viktor Frankl, Psychologe und Logotherapeut, reflektiert über seine Zeit im Konzentrationslager: „Man [kann] dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen […] nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen.“

Literaturhinweis

Viktor E. Frankl (2006): … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Deutscher Taschenbuch Verlag. hier S. 108. Im Original kursiv geschrieben.

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