Von Liebe und Gleichgültigkeit

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Betrachtende Gedanken zur Adventszeit

 

Weihnachten ist das so genannte Fest der Liebe. Seit Oktober stoßen Laden-Dekorationen auf jenen Geburtstag Jesu hin. Die Umgebung schreit geradezu danach, seine Nächsten zu beschenken, doch der wirklich Nächste bleibt manchmal außen vor — Liebe und Gleichgültigkeit, ein Gegensatzpaar, das in der Adventszeit besonders besonders stark spürbar ist.

Donna chiede elemosina in strada nell'indifferenza dei passanti

Vorbeigehen trotz Demutsgeste. Ein Beispiel für Gleichgültigkeit in Italien: Bild: ©  Daniele Pietrobelli / Fotolia.com

Das Fest der Liebe — wen ich liebe, der- oder diejenige ist für mich nicht gleichgültig und ich wünsche mir andersherum auch Beachtung. Liebe in einem mehr platonischen Sinne gibt es vermutlich auf vielen Stufen, auch ein kleines Gespräch mit einem Obdachlosen kann ein Zeichen von Wertschätzung sein.

Es weihnachtet sehr

Auch Konstantin Wecker hat in seinen Lied Es weihnachtet sehr einige Beobachtungen rund um die Weihnachtszeit beschrieben. Da heißt es zum Beispiel: „Und sie warten und warten, die Alten und Armen/ auf wirkliche Hilfe, auf echtes Erbarmen/ und obwohl sie eigentlich gar nichts mehr glauben/ haben sie immer noch leuchtende Augen.“ Weihnachten birgt als Konstrukt hohe gesellschaftliche Erwartungen — doch starke Vorstellungen und Bilder über Weihnachten wirken auf den Einzelnen manchmal lähmend, dann nämlich, wenn Liebe und Geschenke fehlen — und man aus Scham eine Rolle spielt, als würde man sich freuen (müssen).

Konstantin Weckers Lied "Es weihnachtet sehr"-- zum Vergrößern bitte aufs Bild klicken. Ganz links und rechts auf roten Papier ist Weckers Liedtext abgedruckt. Links befindet sich ein mit Geschenken überfrachtetes Zimmer. Rechts ist Armut abgeildet, die von Weihnachtsmännern überdeckt wird.. Archivbild: Balcerowski

Konstantin Weckers Lied „Es weihnachtet sehr“– zum Vergrößern bitte aufs Bild klicken. Ganz links und rechts auf roten Papier ist Weckers Liedtext abgedruckt. Links befindet sich ein mit Geschenken überfrachtetes Zimmer. Rechts ist Armut abgebildet, die von Weihnachtsmännern überdeckt wird.

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Die Ober- und Rückseite der Collage: Diverse Bewerbungen aus Prospekten.

Im November 2013 besuchte ich die Winterfreizeit der ESG Erlangen zum Thema Gleichgültigkeit. Doris Weber, Redakteurin, beschreibt Gleichgüligkeit in einem Themenheft von Publik Forum in Anlehnung an Offenbarung 3,16 als lauwarmes Gefühl bzw. gemäß Jürgen Moltmann als Tiefschlaf, um sich vor, allzu oft vermeintlichen, Unzumutbarkeiten zu schützen.

Zu viel Mitgefühl kann jedoch auch lähmend sein, in dem Sinne, dass ich mich im Anderen ganz verlieren kann. Manchmal braucht es Distanz und Abgrenzung, um wirklich helfen zu können bzw. auch zu erkennen, wenn jemand Hilfe gar nicht möchte. Gleichgültigkeit kann helfen, mögliche Anfechtungen des Lebens, etwa eine spitze Bemerkung, wegzustecken.

Im ethischen Sinne ist der Gegenbegriff zu Gleichgültigkeit Empörung. Sarah Connor drückt in ihrem Lied Augen auf aus, wie gleichgültig man in Angesicht des Leidens anderer ist und fragt: „Warum können wir nach den Bildern [von Gewalt und Leiden] schlafen gehen / Und weiter träumen als sei nichts geschehen?“ und appeliert schließlich: „Krieg dein‘ Arsch endlich hoch! Zeit aufzustehen.“

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Die linke Seite der Weihnachts-Collage. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

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Die rechte Seite der Weihnachtscollage. Zum Vergrößern bitte auf das Blick klicken.

„Ihr seid das Salz der Erde“

In einem lebensphilosophischen Sinne bedeutet aber das Gegenteil von Gleichgültigkeit, zu strahlen bzw. negativ formuliert: sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Dazu passt auch Matthäus (5,1.2.13-16) :

Als Jesus die Menschenmenge sah, stieg er auf einen Berg und setzte sich. Seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie, was Gott jetzt von seinem Volk verlangt […]
Ihr seid das Salz für die Welt. Wenn aber das Salz seine Kraft verliert, wodurch kann es sie wiederbekommen? Es ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Es wird weggeworfen und die Menschen zertreten es.
Ihr seid das Licht für die Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Auch zündet niemand eine Lampe an, um sie dann unter einen Topf zu stellen. Im Gegenteil, man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. Genauso muss auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Sehgewohnheiten

Wie sehr ich mich für Leiden anderer öffne, ist auch eine Frage, mit was ich mich täglich umgebe, inbesondere medial. Nach meiner Wahrnehmung werden in Deutschland Krimis immer beliebter. Vergleicht man beim Tatort  Kommissar Veigl (München, 1972-1981) etwa mit dem heutigen Tschiller (Hamburg, seit 2013), zeigt sich: Statt Rededuelle gibt es aber immer mehr Waffengewalt und auch die Anzahl der Leichen steigt, wie tatort-fundes.de belegte.

Kann Weihnachten nicht mehr eine stille Nacht sein? In der Stille findet man manchmal wieder zu sich, zu den eigenen Gefühlen, aber auch zu denen der anderen. Vielleicht kommen dann Liebe und Gleichgültigkeit in ein anderes Verhältnis — sich weder übermäßig aufopfern, noch sich völlig gegenüber den nächsten abschotten.

In Anlehnung an Rabbi Akiba kann ich mich deutlich an einen Satz aus dem Religionsbuch erinnern: „Der Andere ist anders, er ist wie du.

Literaturhinweis

Doris Weber: Mir doch egal. Was geht mir nahe — was schiebe ich weg? Das sind die die Entscheidungen, die wir heute treffen müssen. In: Publik-Forum Extra. Mir doch egal. Über die Gleichgültigkeit, Heft 2/2010, März/April. S. 7-10. hier S. 8.

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