Weder ja noch nein: Glaubenszweifel

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Betrachtung zum Monatsspruch November 2015

 

Kürzlich habe ich in der Evangelischen Studierendengemeinde Erlangen einen Gottesdienst besucht, der die Themen Versuchung und Sünde behandelte. Pfarrer Daniel Wanke definierte Sünde nicht nur als Überschreitung eines Gebots, sondern auch als Selbstüberschätzung – Stichwort: „So sein wollen wie Gott“. Mir ist dann aufgefallen, dass das Gegenteil zur Selbstüberschätzung die Selbstzweifel sind – sich selbst nicht ausreichend Wert geben. Der Monatsspruch November 2015 fordert auf: „Erbarmt euch derer, die zweifeln.“ (Judas 22).

Ist es das das Palais Stutterheim oder nicht? Zweifel ist wie ein Nebel, der die Entscheidung für Ja oder Nein erschwert. Archivbild: Balcerowski

Ist auf dem Bild das Erlanger Palais Stutterheim zu sehen oder nicht? Zweifel ist wie ein Nebel, der die Entscheidung für Ja oder Nein erschwert.

Manchmal sind Zweifel wichtig, weil sie Dinge in Frage stellen. Wo Tradition groß ist, tut man manchmal gut daran, lieb gewonnene Gewohnheiten anzuzweifeln. Der Monatsspruch November fordert für die Zweifler einen besonderen Schutz: man soll sich ihrer erbarmen. Dem Verfasser des Judas-Briefes geht es um den Glauben und um die Gebote Jesu. In den vorherigen Versen heißt es nämlich: „Ihr aber, meine Lieben, erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben und betet im Heiligen Geist, und erhaltet euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben“ (Judas 20.21).

An Gott zu zweifeln, zieht sich durch die Bibel und kennt man bis heute – zum Beispiel sagt der Prophet Elia, er sei nicht besser als seine Brüder, weshalb Gott sein Leben von ihm nehmen solle (vgl. 1. Könige 19,4). Das Gute am Zweifel ist: Wer zweifelt, hat sich auf eine Antwort noch nicht festgelegt. Der Zweifler befindet sich in einem Zwischenraum: Er oder sie ist sich nicht sicher, ob es Gott gibt. Vielleicht ist der Zweifel im Glauben notwendig, denn kein Mensch kann Gott beweisen, aber auch nicht widerlegen; denn dazu reicht die menschliche Erkenntnis-Fähigkeit nicht aus. Dem Zweifler ist innere Ruhe zu wünschen, um die eine oder andere Erfahrung als Wirken Gottes zu verstehen. „Gott finden heißt, ihn unaufhörlich suchen“, sagte der Kirchenvater Gregor von Nyssa.

Ursprünglich erschienen in: Monatsgruß. Zeitschrift für die evangelisch–lutherischen Kirchengemeinden in Fürth. Lokalteil Christuskirche 60 (November), S. 6.

 

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