Friedliche Bäume

PDF / ePub

Pfarrer Zuber wirbt in Fürth für Toleranz aus dem Glauben

„Man kann es kaum glauben: Wir leben in einer geglaubten Welt„, dieser Satz ist die zentrale Aussage von Volker Zubers Vortrag. Der Pfarrer im Ruhestand hat am 23. April St. Michael in Fürth besucht und vor rund 35 Zuhörenden den Vortrag „Ehrlich glauben — ein Versuch in einer nüchternen Wirklichkeit“ gehalten. Der Glaube ist Bestandteil der Gesellschaft. Religionen halten manche Dinge für heilig, andere für ketzerisch. Die Naturwissenschaft kann in sich stimmige, logische Gedankengänge bauen, aber die Grundannahmen beruhen dabei doch nur auf etwas, was nur geglaubt werden kann. Die Gesellschaft — ob Wirtschaft, Politik oder Medizin — fußt auf gemeinsamen Vorstellungen, die dem Wandel der Zeit ausgesetzt sind. Trotz aller Relativität kam aber Volker Zuber zu dem Schluss: Das, was man tief im Herzen glaubt, kann niemand von außen zerstören.

Der Mensch presst eine zutiefst gläubige Form an die Wirklichkeit, den Teig, herunter. Was innerhalb der Form ist, ist stimmig und beweisbar, aber den gesamten Teig kennt man dadurch noch lange nicht. Bild: © knipseline / pixelio.de

Andersherum trägt jeder Glaube auch etwas Relatives in sich. Der Glaube ist wie der Strahl durch ein Prisma: Je nachdem, wie und wo das Licht herauffällt, wird es anders gebrochen. Aber es gibt unter den Lichtstrahlen keinen, der besser ist als andere. Mit der Zeit verändert sich in der Gesellschaft die Übereinkunft über das, was für richtig und wirklich gehalten wird. Am Beispiel der Homosexualität sieht man: Was einst der Richter mit Strafe ahndete, kann heute der Standesbeamte unter die Haube bringen. „Alles war erstarrt, ist tot“, warnt Volker Zuber.

 

Links: Volker Zuber am 23. April 2018. Rechts: Ein Prisma bricht das Licht in unterschiedliche Farbtöne — ein Bild dafür, wie auf die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven geblickt wird. Bild: © Tim Caspary / pixelio.de

Glaube und Naturwissenschaft

Was innerhalb des Systems wunderbar schlüssig aussieht, stößt bei genauerer Betrachtung an Grenzen des Denkens und Sprechens. So sind beispielsweise Ziffern nur Metaphern. Es sind alle möglichen Rechenoperationen möglich, aber die Modellierung der Welt bleibt doch in der Form der Mathematik, die auf die Erde gedrückt wird und auch nur ein Teil des Teiges ist. Wie und was man fragt, bestimmt die Antwort. In der Naturwissenschaft gibt es Paradigmen, also Denkschemata, und Axiome, also grundsätzliche, nur angenommene Theorien. Raum, Zeit und Bewegung sind Grundkategorien — doch was sind sie wirklich? Warum ist nicht nichts? Für Volker Zuber ist das Sein an sich das größte Wunder — dass etwas ist, und nicht nichts.

Glaube und Gesellschaft

Bürogebäude und Banken überragen Kirchtürme — Manifestationen dessen, woran man glaubt. Bild: © Hans Genthe / pixelio.de

Blickt man auf die Gesellschaft, gibt es vermehrt das Phänomen, von Tatsachen und Fakten zu sprechen, was in Wirklichkeit Werte oder Interpretationen sind. Die Haltung „Ich weiß besser Bescheid als du“ ist Keim für Fundamentalismus, ein Freibrief, um andere zu bekämpfen. In Diskussionen gibt es Kämpfe um die richtige Bedeutung. Historische Ereignisse im Rückblick sind grotesk: So fuhren junge Männer in den Ersten Weltkrieg singend mit wehenden Fahnen, als ob sie heute ins Fußballstadium liefen — nach den großen Leiden in den Stellungskriegen kamen sie freilich anders zurück. Im Rückblick ist man scheinbar klüger.

Geld als der wichtigste Glaubensartikel zeigt: In Bruchteilen von Sekunden wechseln sich auf der Börse Hinweg- und Zuglauben von Geld ab. Die Werbung ist eine Glaubensmaschine wie ein heiliges Buch, das vorgaukeln möchte: „Was du hast, ist nicht das, was du willst“. Der Glaube Einzelner — wie etwa bei Trump — zieht Millionen in den Bann, und von außen betrachet schüttelt man den Kopf. Doch man kann es drehen und wenden, wie man möchte: Die eigene Vorstellung ist immer die größte Tatsache.

Glaube in der Religion und der persönliche Glaube

Glaube versetzt Berge. Ein Medikament kann die besten Heilungen erbringen, und das ganz ohne Wirkstoff. Das Endiche bekommt den Hauch des Unendlichen. Religion ist ein aufgeladenes Thema — es hat die Hässlichkeit der Kreuzzüge genauso wie die Schönheit einer Kathedrale. Volker Zuber fragte in die Runde: „Sind die Lebensreibungsverluste wirklich nötig?“ Er denkt an das eigene Theologiestudium zurück und ist bis heute erstaunt, warum die richtige Deutung des Abendmahls einen immer noch vergleichsweise hohen Stellenwert hat. Vergleicht man die Erschaffung bzw. Entstehung der Erde vor 40 Milliarden Jahren auf einem künstlichen Zeitstrahl, so ist die Erdgeschichte ein Jahr, den Mensch gibt es nur 15 Minuten, und Religionen nur 30 Sekunden. Man braucht nicht weiterrechnen um zu sehen: eine einzelne Lebensspanne ist nur ein „Tröpferl im Meer“, wie es Konstantin Wecker dichtete. Der Mensch ist ein Blatt an einem Baum. Der Baum ist die Kultur, in der er oder sie aufwächst. Und der Wald ist die Gesamtheit der Kulturen. Alle Bäume stehen friedlich nebeneinander. Jedes Blatt trägt etwas zum Leben bei und der Stamm des Baumes drückt das Göttliche aus. Von der Ewigkeit trennt nicht, ob man beschnitten ist oder nicht, oder oft genug beichten geht. Volker Zuber wünscht abschließend dem Publikum, die eigene Knospe (Religion) gut zu pflegen.

Friedliche Bäume — jeder Mensch ist wie ein Blatt an einem Baum.

1 Kommentare

  1. Pingback: Den Tod bedenken – nachdenker.info

Einen Kommentar verfassen