Was unterscheidet Sekten von Religionen?

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Pfarrer Volker Zuber über Toleranz und Fundamentalismus

 

Volker Zuber.

Jeder Mensch glaubt an etwas – diese und andere überraschende Erkenntnisse brachte Volker Zuber, Pfarrer in St. Michael und Beauftragter für Weltanschaungsfragen im Dekanat Fürth, in einem Vortrags- und Diskussionsabend zutage. Er stellte zum Thema Fundamentalismus und Sekten am 7. Januar 2014 im großen Saal der ESG Erlangen vor 25 Zuhörenden Thesen auf – über Sekten, Fundamentalismus und Toleranz – und erläuterte sie aus seiner Biografie und Wahrnehmungsgeschichte.

Fundamentalismus: Dazwischen-Nuancen gehen verloren

Seine Hauptthese lautete, Fundamentalismus ließe sich anhand seiner tiefenpsychologischen Struktur beschreiben, die mir Kriterien in die Hand geben, wodurch sich eine Sekte von einer Religion unterscheide, wobei die Sekte dabei nur ein Beispiel fundamentalistischer Strukturen sei. Als Hauptmotiv nannte Volker Zuber eine fundamentale Angst: Wider besseren Wissens schlagen manche Eltern das eigene Kind, weil sie selbst geschlagen wurden; radikaler verfängt sich ein Fundamentalist in Ängsten. Die Angst des Fundamentalisten zeige sich in der Überbetonung des Bösen, das mit der Außenwelt identifiziert werde. Ohne „Dazwischen-Nuancen“ walte nicht Feindesliebe, sondern es werde um Glaubensinhalte gekämpft, obwohl eine Wahrheit nicht verteidigt werden müsse; eine Überzeugung, die man mit Gewalt verbreiten wolle, fundiere auf einem schwachen Glauben, so Volker Zuber.

So wie eine Brücke ein Fundament braucht, braucht eine Sekte einfache Basis-Sätze als Fundament, die fanatischen Anspruch erheben und so Fundamentalismus werden. Im Bild die Baustelle der Waldschlössleinsbrücke in Dresden.

In der Diskussion zeigten sich einige Kontroversen: Zum einen die Frage, wie weit Toleranz mit der Intoleranz gehen könne. Volker Zuber kategorisierte dieses Phänomen als Bonhoeffer-Effekt: In besonderen Situationen sei es notwendig, dem „Rad in die Speichen zu fallen“, also bewusst zu sündigen.

Zum anderen zeigte sich im Publikum Verwirrung über die Abgrenzung der Begriffe: Was unterscheide etwa die Mission vom Fundamentalismus? Oder ist Mission gar eine Antwort auf den Fundamentalismus? Volker Zuber betonte den positiven Gehalt der Mission als Angebot der frohen Botschaft ohne Gewalt; Aspekte wie Gewaltlosigkeit träfen aber auf den Fundamentalismus nicht zu.

Toleranz als Sinfonie vieler Instrumente

Volker Zuber sieht in einer Religion die Möglichkeit von Toleranz: Wenn ein Mensch behauptet, zwei plus zwei sei fünf, könne man diese Überzeugung liebevoll stehen lassen, ohne dass man in hundert Versuchen die eigene Überzeugung, nämlich, dass zwei plus zwei vier sei, instruieren müsse. Die Religion jedes Menschen sei wie das virtuose Beherrschen eines Musikinstruments: Man kann nur genau ein Instrument virtuos beherrschen, aber viele Instrumente versammeln sich im Einklang der Sinfonie Gottes.

Doch gerade ein Sektenmitglied könne keine andere Meinung tolerieren, was in der Konsequenz zum Gott-Spielen führe, zum Beispiel bei Selbstmordanschlägen. Ein Sektenmitglied gehe eine starke Bindung zum Führer der Sekte ein. Die Ambivalenz bestehe darin, dass Sektenfunktionäre mit manipulativen Fragetechniken das Selbst des Anderen infrage stellen mit dem Angebot der Hilfe, die oft in eine finanzielle Abhängigkeit führen würde. Der Betroffene binde sich aber trotzdem an den „Entführer seines Lebens“.

Als praktische Handreichung stellte Volker Zuber ein Szenario vor, bei dem man auf ein Sektenmitglied treffe: Dieses Mitglied könne man mit Fragen prüfen, wie „Machen Sie Werbung für eine Organisation?“ Oder etwas kniffliger: „Was finden Sie an dem Chef Ihrer Organisation schlecht?“ Dann würde wohl die Antwort kommen: „Alles an ihm oder ihr ist gut.“

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