Einsamkeit und Sprache

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Manchmal ist Leiden so groß, dass man sprachlos ist. Bild: © zdyma4 / Fotolia.com

„Was ist los?“, das könnte nicht nur eine rhetorische Floskel, sondern tatsächlich eine ernst gemeinte Frage einer nahen Freundin oder eines Freundes sein. Der Freund schaut in Ihr Gesicht und sucht nach einer Art eines vagen Gefühls, dass es Ihnen nicht gut geht. Dann kann es leicht passieren, um Worte zu ringen. Irgendwann gibt es dann vielleicht den Moment, in dem Sie sagen: „Bitte lass mich alleine.“ Die Sprache versagt in den Momenten, wenn Sie Leiden angemessen ausdrücken soll.

Sprache der Gewalt und Gewalt in der Sprache

Sprache ist, ganz abstrakt betrachtet, ein großes Regelwerk an Konventionen: Grammatik und Rechtschreibung sind sozial stark akzeptierte, wenn auch nicht immer eingehaltene Regeln. Doch in manchen Fällen hat Sprache genau durch diese Regeln etwas einer Gewalt, gegen die man sich kaum oder gar nicht wehren kann. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wenn sich schreckliche Wörte etablieren. Immer noch hört man in den Nachrichten den euphemistischen Begriff „ethnische Säuberung“. Hier wird Tötung oder gar Massenmord auf die Stufe der Reinigung von Schmutz gestellt. Menschen sind in dem Begriff nichts anderes als störende Flecken oder nervige Staubwolken. Aber der Begriff kann noch so schlimm sein, wenn er etabliert ist, breitet er immer wieder seine Macht aus.

Aber nicht nur der Gebrauch von Sprache, sondern die Grenzen des Sprach-Gebrauchs hat eine Grundproblematik: Sprache kann bestimmte Formen von Gewalt wie etwa Folter nicht angemessen ausdrücken, sodass Sprache zur Komplizin des herrschenden Systems wird:

Die Gewalt der Sprache ist auch ein Instrument zur Ausübung von Gewalt, zur Unterdrückung des Ausdrucks mit eben jenem Medium, das Ausdruck herbeiführen und ermöglichen soll. Die Gewalt der Sprache macht sprachlos.

Angelika Corbineau-Hoffmann und Pascal Nicklas

Gewalterfahrung und Rückzug als Folge

Leiden führt zu Rückzug. Bild: © hikrcn / Fotolia.com

Was in Sprche nicht geformt werden kann, ist trotzdem in Kopf der Menschen. Es sind wirre Bilder, einzelne Szenen und Gedanken, nicht immer im Zusammenhang. Das Erleben von Gewalt kann bei Betroffenen leicht zu Rückzug und Einsamkeit führen. Wenn ich mich vor anderen verstecke, können sie mir nicht wehtun. Die Einsamkeit entsteht dadurch, dass man durch Kontaktvermeidung auch vermeidet, von anderen geliebt oder als sympathischer Freund zu erscheinen. Ähnlich ist es auch mit Gefühlen: Wer Angst vermeiden möchte, kapselt sich ungewollt von allen Gefühlen ab. Vielleicht ist aber Sprache auch zu eng gefasst, begrenzt man sie auf das gesprochene Wort. Manchmal ist es vielleicht eine Farbe, eine Körperbewegung oder eine bestimmte Art des Schreiens, mittels dessen man sich wieder ermächtigt und sich mitteilt. Für mich persönlich sind es manchmal Theaterstücke gewesen, in denen ich den Eindruck hatte, was ich selbst fühle, wird mir vorne auf der Bühne gezeigt. Sei es der rastlose Woyzeck, der fragende Steppenwolf oder der radikale Danton.

Literaturhinweis

Angelika Corbineau-Hoffmann und Pascal Nicklas (2000): Sprache der Gewalt – Gewalt der Sprache. In: Gewalt der Sprache — Sprache der Gewalt: Beispiele aus philologischer Sicht, Hildesheim: Olms, S. 1–18, hier S. 3.

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