Einsamkeit und Schuldgefühle

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Authentisch sein statt Sprachspiele betreiben

Es wird sich für alles Mögliche entschuldigt: für Versprecher, für Flecken auf der Kleidung oder fürs Zuspätkommen. Die Antworten sind Sätze wie „Alles gut“ oder „Kein Problem“. Doch hört man genauer auf die Entschuldigungen, so beinhalten sie doch das Benennen von Umständen. Indirekt führt das dazu, im Schuld Verteilen ein Meister zu sein, aber in der Selbstkritik ein Anfänger.

Wer Schuld zuweist, weckt beim anderen Scharmgefühle. Bild: © pathdoc / Fotolia.com

Schuldzuweisung statt Eigenverantwortung

Die evangelische Kirche in Deutschland hat 2011 die Fastenaktion „Ich war’s — sieben Wochen ohne Ausreden“ organisiert. Einfach mal etwas zuzugeben. „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“ (Matthäus 5,37). Menschen können schönste Belletristik produzieren, wenn es darum geht, etwas Bestimmtes zu erklären, was ihnen unangenehm ist. „Ich bin schuld“, solche Sätze hört man nicht allzu oft — oder man hört sie übermäßig als ein Teil einer Selbstwertproblematik.

Bild: Jan von Holleben

Schuldgedanken machen einsam

Hat man Probleme mit dem Selbstwert und hat infolgedessen oft Schuldgedanken, neigt man dazu, sich abzusichern. Das, was man tun könnte, unterlässt man, weil man Angst hat, jemand könnte sich verletzt fühlen. Wer sich im Alltag unnötig rechtfertigt, wirkt unsicher. Der Grund, für den man sich entschuldigen möchte, ist für die Umwelt nicht nachvollziehbar — darum hat die Gesellschaft sich wohl darauf geeinigt, Sprachkonventionen einzuführen, wie das oben skizzierte „Kein Problem“ — eigentlich ein Abwehrmechanismus, damit man selbst nicht von der vermeintlichen Schuld angesteckt wird.

Schuld löst Scham aus und Scham ist ein Gefühl, das man nicht öffentlich zeigen darf oder will. Auf lange Sicht führen Schuldgedanken zur Einsamkeit, verstärken die Selbstwertproblematik und verstärkt den Mechanismus, sich zu entschuldigen. Wie kommt man aus dem Teufelskreis heraus?

„Hör endlich auf, der Clown zu sein“

Horst Lichter schildert in seiner Autobiographie „Keine Zeit für Arschlöcher!… hör auf dein Herz“ eine Form von Schuldgefühlen, die auch einsam machen: Nämlich Hadern mit Leiden und Krankheit. Als der Fernsehkoch merkte, wie er einsamer wurde, ging er in die Offensive und hat die Rolle gespielt „Es geht mir gut“, damit sich die Menschen ihm wieder zuwenden. Doch eines Tages mahnte ihn seine Mutter, nicht den Clown zu spielen. Denn: „Der Clown darf traurig sein und der Spaßmacher kann ernsthaft sein.“

Das bedeutet alles in allem: Sowohl überzogene Schuldgedanken als auch eine Selbstsicherheit, die aufgesetzt ist, sind Irrwege. Wer zum Beispiel im Fernsehen authentisch weint, löst bei vielen positive Reaktionen aus. Eine Gesellschaft wäre offen, wenn statt Sprachspiele die Dinge so benannt und gezeigt werden könnten, wie sie sind. Ein erster Schritt ist es, auf sein persönliches Umfeld zu achten — wo lässt man mich authentisch sein?

Literaturhinweis

Horst Lichter (2016): Keine Zeit für Arschlöcher!… hör auf dein Herz. München: Gräfe & Unzer. Hier S. 30 und S. 41.

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