Unter vielen allein

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Aktualisiert am 11. März 2018

Einsamkeit und ihre Überwindung

Es ist Sonntag. Durch die Stadt laufen. Die Frühlingssonne lacht die Mitmenschen an. Menschen, die Händchen halten, Kinderwägen schieben, miteinander lachen, sich ansehen und sich zu verstehen scheinen. Begegnungen vor einer unsichtbaren Wand. Den Blick senken. Nach Hause. Lautlos weinen.

Manchmal fühlt man zu seinem Mitmenschen keine Verbindung — im Bild die U-Bahn-Brücke bei der Uhlandstraße in Hamburg.

 

Einsamkeit ist gerade spürbar, wenn man unter vielen Menschen ist. Menschen, die Gruppen bilden, zu denen man nicht dazugehört. Andersherum kann man ganz bewusst das Alleinsein suchen, um etwa einem Hobby wie Briefmarkensammeln nachgehen zu können. Der Unterschied ist das subjektive Erleben: Bin ich zufrieden, alleine zu sein, oder wünsche ich mir eigentlich mehr Kontakt? Je länger man einsam ist, desto mehr richtet man sein Leben damit ein. Trifft man neue Menschen, wird man befürchten, sie zu verlieren, obwohl man ihre Herzen noch gar nicht gewonnen hat. Anders formuliert: Die Angst, abgelehnt zu werden, verhindert es, gemocht zu werden. Wer jemanden anspricht, geht ein Risiko ein.

Alleine oder einsam? Ein wichtiger Unterschied. Bild: © jim / Fotolia.com

Einsamkeit korrespondiert mit dem eigenen Bild, das man von sich hat: Weil man sich selbst ablehnt — womöglich, weil man abgelehnt worden war — verhält man sich so, dass man wieder abgelehnt wird, um zumindest jene minimale Bestätigung zu erhalten: Ich bin nicht liebenswert — ein Teufelskreis.

Um Einsamkeit zu überwinden, braucht es also zunächst nicht mehr Menschen um einen herum, sondern die innere stabile Bestätigung des eigenen Selbstwertes. Wenn man Komplimente und Beleidigungen gegeneinander aufrechnet und damit seinen Wert ausrechnet, wird man von seiner Umgebung abhängig bleiben.

Hier gilt es dem Rad in die Speichen zu greifen. Es kann mit diesen kleinen Übungen beginnen:

  • Sich jeden Morgen vor den Spiegel stellen, sich liebevoll berühren und sagen „Ich mag mich“
  • Sich mehrmals am Tag selbstbewusst aufrichten statt sich verkrümmen
  • In einen kleinen Büchlein täglich festhalten, worauf man stolz oder dankbar ist, dabei auch kleine Dinge zählen lassen
  • Zehn positive Eigenschaften und Verhaltensweisen von sich aufschreiben
  • Zehn Eigenschaften und Verhaltensweisen aufschreiben, die man sich verzeiht
  • Das negative Denken mit einem bewussten „Stopp“ Sagen und einem Ritual zum Beispiel eine Türe schließen unterbrechen

Aus den bewussten Übungen können unbewusste Denkgewohnheiten werden. Kurzum: Sich zu mögen lernen. Diese allmählichen Veränderungen haben zwei Auswirkungen. Zum einem auf das Selbstbild, zum anderen aber auch auf das Metabild — so wie ich glaube, dass mich die anderen sehen. Beides wird allmählich realistischer und weniger übertrieben negativ. Folglich können andere Menschen viel gerner anknüpfen. Wer ausstrahlt, sich selbst zu mögen, kann auch andere mögen. Wer sich verzeiht, ist zu anderen auch milde. Die Einsamkeit wird so von innen überwunden.

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