Der Meister findet seinen Meister

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Einsame Figuren in der Literatur 2: Die Schachnovelle

Literarische Helden haben besondere Eigenschaften und fallen mit ihnen auf. Auch in der klassischen Literatur gibt es eine Reihe von Gestalten, die besonders sind, aber in ihrer Art doch immer wieder an gesellschaftlichen Konventionen scheitern. In Stefan Zweigs Schachnovelle etwa trifft Dr. B. auf Mirko Czentovic. Beide sind Einzelgänger und sehr gut Schachspieler, ansonsten aber sehr gegensätzlich.

Repressive Einrichtungen wie Gefängnisse sind ein physischer Druck, aber auch Ideologien als Denkgesetze können Menschen auf subtilere Weise unterdrücken. Bild: © rudall30/ Fotolia.com

Der wundersame Mirko

Mirko Czentovic wächst als Waisenkind beim Pfarrer im Ort auf. Durch Zufall entdeckt er bei sich die Begabung für das Schachspiel und macht eine steile Karriere bis zum Schach-Weltmeister.

Dieser Bursche weiß in seinem vermauerten Gehirn nur das eine, daß er seit Monaten nicht eine einzige Schachpartie verloren hat, und da er eben nicht ahnt, daß es außer Schach und Geld noch andere Werte auf unserer Erde gibt, hat er allen Grund, von sich begeistert zu sein. (S. 16)

Soweit der Freund des Ich-Erzählers. An dem Zitat wird deutlich: Der Schachweltmeister bleibt meist für sich alleine, aber er leidet darunter keineswegs, weil er für sich das vollkommene Glück im Schachspiel findet. Trotzdem zeigt das Attribut „vermauert“ , dass doch zumindest eine latente Einsamkeit anklingt — und gleichzeitig Fasnzination:

„Alle Arten von monomanischen, in eine einzige Idee verschossene Menscheh haben mich zeitlebens angereizt, denn je mehr sich einer begrenzt, um so mehr ist er andererseits dem Unendlichen nahe“ (S. 16)

Dr. B. und das Schachspiel

Das Schachspiel als Überlebenswerkzeug in Gefangenschaft. Holzschnitt: Elke Rehder. Quelle: Mirdsson2 / Wikimedia

Der Gegenspieler Mirkos, sowohl im Schach als auch von der Psyche her, ist Dr. B.. Von ihm ist bekannt, dass er als Anwalt hohes Kloster-Vermögen verwaltete, und deshalb von den Nationalsozialisten zunächst bespitzelt und dann eingesperrt wurde. Dr. B fand sich vollkommen isoliert in einem Hotelzimmer wieder und leidet an Lethargie:

„Man tut uns nichts — man stelte uns in das vollkommenste Nichts, denn bekanntlich erzeugte kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts.“ (S. 39)

In seiner Not entdeckt er ein Schachbuch und schafft es, sein Bewusstsein so zu spalten, dass er gegen sich selbst nur im Kopf schachspielen kann:

„[G]egen sich selbst spielen zu wollen, bedeutet also im Schach eine solche Paradoxie, wie über seinen eigenen Schattten zu springen.“ (S. 53)

Der Höhepunkt der Novelle ist freilich das Schachspiel zwischen Mirko und Dr. B Eingebettet ist die Handlung von einem beobachtenden Ich-Erzähler mit einem Freund und dem Amerikaner McConnor, der Geld an Mirko für dessen Spielen bezahlt:

Die Spannung lädt sich also vor allem deshalb auf, weil Dr. B konträr zu Mirko Czentovic ist. Dr. B erhält sofort das positive Attribut „unvermuteter Engel“ (S. 28 ). Er füllt sofort die Lücke, die Schachweltmeister Mirko zurücklässt: Er ist didaktisch und erklärt seine Strategie. Seine Stärke ist jedoch zugleich sein wundester Punkt.

Gegenüberstellung der Hauptfiguren

Dr. B Mirko Czentovic
Extreme Imagniationsfähigkeit des Schachspiels, kann im Kopf gegen sich selbst Schach spielen Geringe Imaginationsgabe, braucht ein Schachbrett real vor sich
Reagiert sehr empfindsam auf psychischen Druck, weil er die Gefangenschaft wieder-erlebt Kann sein Innenleben nach außen fast vollständig verhüllen
Denkt schnell Denkt langsam
Wirkt im Ruhezustand locker und unbefangen Wirkt im Ruheszustand unbeweglich wir ein Block

Die Katastrophe

Im Hohepunkt wird Dr. B. akut retraumatisiert. Seine große Stärke, eine hohe Imaginationskraft zu haben, wird zu einem Schwachpunkt: Denn nun erscheint die Außenwelt für Dr. B. als falsch. Hinzu kommt, dass Mirko Dr. B. psychisch mobbt: Weil er Dr. B. unnötig lange auf seine Züge warten lässt, kommt jener sich wieder wie ein Gefangener im Hotelzimmmer vor.

Doch selbst Mirko Czentovic verändert sich zum Ende hin: Zum einen hat er große Not, sein Pokerface aufrecht zu erhalten. Der Ich-Erzähler spricht von innerer Unruhe und Nüstern, die breiter zu werden schienen. Wo der Schachweltmeister bisher nur das Nötigste sagte, tritt er sogar schließlich in einen Dialog mit Dr. B..

Ein kleiner Höhepunkt war bereits in der Partie, als Dr. B. eingriff und ein Remis schaffte (Gleichstand), obwohl Dr. B seit 25 Jahren nicht mehr Schach gespielt hatte.

Czentovic, der bisher immer nur im Stehen gespielt, zögerte, zögerte und setzte sich schließlich nieder. Er setzte sich langsam und schwerfällig; damit aber war schon rein körperlich das bisher Von-oben-herab zwischem ihm und uns aufgehoben. (S. 30)

Literaturhinweis

Stefan Zweig (2016 [1943]): Schachnovelle. Suhrkamp Basisbibliothek Nr. 129. Berlin: Suhrkamp.

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