Zu sich kommen: Eine Reflexion über Einklang mit sich selbst

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Schatten

Ist man bei sich — oder läuft man einem Ideal-Bild wie dem eigenen Schatten hinterher?

Leben im Einklang mit sich selbst. Wer ist eigentlich mit wem im Einklang? Ist das an das Selbst als ein anderer zu denken, wie es Paul Ricoeur sieht? Nein, Leben im Einklang mit sich selbst ist eine Metapher für „Authentisch Sein“. Das erste Mal konfrontierte das Buch Tu, was du willst mich mit diesem Thema. Klingt eigentlich trivial, aber betrachtet man das Leben, wird in vielen sprachlichen Formulierungen deutlich, dass es doch äußerer Druck oder Zwang ist, der zum Antreiber wird: „Ich muss sie zurückrufen“ – „Ich muss den Artikel heute noch schreiben“. Bei dem ganzen Müssen verschwindet die Freiheit schnell – der Geist verlagert die Pflicht in ein Außen, sodass man mit ihr konfrontiert wird, ohne zu sehen, dass dieses Müssen eigentlich in den Gedanken, im eigenen Kopf ist. Aber die Angst vor schlimmen Folgen sorgt dafür, dass das Müssen ein Tun wird.

Den eigenen Weg finden


Leben im Einklang mit sich selbst. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, gibt es da viele Versuche, Angebrochenes und Unabgeschlossenes. Trotzdem steht hinter dem eine Tiefe, die mich dem Einklang mit mir selbst angenähert hat. Das lässt sich am Beispiel des Berufes zeigen: So war mein Berufswunsch während der Oberstufe des Gymnasiums Theologe. Dann Journalist, weshalb ich nach dem Philosophie-Studium (Bachelor of Arts) den Master Medien — Ethik — Religion studierte.  Mit fast 30 Jahren ist es mein großer Traum, Bibliothekar zu werden. Wenn ich die nächstbeste Stelle genommen hätte, aus der Angst, nichts zu haben, hätte ich nie die Zeit gehabt, um nachzudenken und zu mir zu kommen. Erich Fromm sieht daher auch eine wichtige Unterscheidung zwischen Haben und Sein. Zum Beispiel bei der Frage des Studierens: Bin ich wie ein Konsument in der Vorlesung und will möglichst gut portioniert das Wissen haben — oder verbinde ich mich mit dem Thema, dass es ein Teil von mir wird?

Sich selbst etwas wert sein

Leben im Einklang mit sich selbst. Das hat mit Selbstachtung zu tun. Wie sagte Pfarrer im Ruhestand Volker Zuber aus Fürth: „Ich lebe mein Leben, und nicht das der anderen.“ Das heißt auch, zu seinen Werten stehen. Mir persönlich sind etwa Nachhaltigkeit und Umweltschutz wichtig. Angefangen von Mehrwegflaschen bis zu Fahren mit Bus und Bahn. Der Einklang mit sich selbst ist die Übereinstimmung mit seinen Werten, auch gegen Widerstand.

Leben im Einklang mit sich selbst — ist alles in allem ein philosophisches Programm, das jeden Tag Achtsamkeit braucht. Staunen können, sich von sich selbst überraschen lassen. Denn gerade wenn ein Einklang noch nicht erreicht ist, brauche ich die Sensibiltät zu mir selbst, das zu erkennen, um dann Schritt für Schritt zu mir zu kommen.

Literaturhinweise

Paul Ricoeur (20005): Das Selbst als ein Anderer (Übergänge). Paderborn: Wilhelm Fink

Fernando Savater (2001): Tu was du willst: Ethik für die Erwachsenen von morgen. Berlin: Beltz&Gelberg

Erich Fromm (1976): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

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7 Kommentare

  1. Pingback: BLOGPARADE: Leben im Einklang mit sich selbst - KreativGedachtKreativGedacht

  2. Hallo Sebastian,
    die Blogparade hat mich auf deine Seite geführt und ich muss sagen, dass du in deinem Artikel kurz aber prägnant aufgreifst, dass es im Leben immer „Versuche, Angebrochenes und Unabgeschlossenes“ gibt. Es scheint, also ob man nie fertig mit dem Müssen ist. Kaum hat man eine Sache abgeschlossen, muss man neuen Verpflichtungen nachgehen. Dabei sollte man doch weniger Müssen, aber letztendlich ist man für sich selbst verantwortlich.
    Viele Grüße,
    Stefanie

    • Hallo Stefanie,

      vielen Dank für die Bemerkung.
      „Versuche, Angebrochenes und Unabgeschlossenes“ ist rückblickend gemeint. Der Beitrag behandelt ingesamt einen Wendepunkt — hinzu zu Einklang mit sich selbst.
      Ich stimme Dir zu, eine innere Antreiber-Stimme (das Müssen) ist nicht dasselbe wie das tun, was man eigentlich will, was vielleicht auch der persönliche Sinn für das Leben ist. Was man wirklich (intrinsisch) gerne macht, empfindet man auch nicht als (äußeres) Müssen, glaube ich.

      Viele Grüße
      Sebastian

  3. Hallo,

    sehr interessantes Thema! Es ist nicht einfach in Einklang mit sich selbst zu gelangen. Ich meine auch, dass es da auch nicht einen Weg gibt, sonder jeder seinen eigenen Weg finden muss. Zudem denke ich das Selbstachtung, Selbstwert und persönliche Erfahrungen oder Rückschläge einen großen Einfluss auf das Leben im Einklang haben.

    Ich leide unter Depressionen und Betriebe die Webseite http://www.depressiv-leben.de hier dreht sich indirekt auch einiges um das Leben im Einklang. Leider geraten die Menschen in der heutigen Zeit immer mehr aus dem Gleichgewicht. Daher finde ich Artikel die das Thema aufgreifen immer wieder gut!

    Viele Grüße
    Dennis

    • Hallo Dennis,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Ja, ich sehe es auch als (Lebens-)Aufgabe. Wenn sie nicht persönlich wäre, würde einen ja wieder jemand Fremdes vorschreiben wollen, wie man leben soll und das wäre ja gerade wieder nicht authentisch.
      Ich habe heute zufällig im Zug Erich Fromm, Authentisch leben (Herder 2015) gelesen. Fromm beschreibt da ja auch, dass jede Gesellschaft durch Ideologie eine Grenze zieht, welche Form von Krankheit gesellschafltlich akzeptiert wird. Gerade im psychologischen Spektrum gibt es sicherlich noch Tabus, die herausfordernd sind, sich authentisch auszudrücken.

      Ich wünsche Dir alles Gute. Deine Seite sehe ich mir gleich einmal an.

      Liebe Grüße
      Sebastian

  4. Lieber Sebastian,

    auch mich hat die Blogparade auf deinen Blog geführt. Das ist ja ein richtiges Juwel.

    Du hast verdammt viele Gedanken in einen sehr prägnanten Text gepackt.

    Wenn das mal bei mir so klappen würde 😉

    Ich danke dir für den tollen Artikel.

    Liebe Grüße

    Melanie Bornschein

    • Liebe Melanie,

      vielen Dank für die Rückmeldung — das freut mich, wenn dich der Artikel bewegt oder berührt hat 🙂 . Bei mir ist es so: Wenn mich die Begeisterung richtig packt, dann ‚flutscht‘ der Text, ohne dass ich ihn danach viel überarbeite — ich kann aber auch den Fall, dass ich Texte oft überarbeite und sie trotzdem nicht ganz rund sind.

      Liebe Grüße
      Sebastian

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