Ein zärtlicher Schlag mit dem Holzhammer

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#WritingFriday #4

Er schaute nur auf ihre Stirn. Seit einer Minute rätselte er, warum sie hatte den Stift fallen lassen. Der Stift fiel genau zwischen die Sitze und schloss den schmalen Spalt zwischen ihren Oberschenkeln. Hätte er ihr den Stift gereicht, hätte er sie berühren müssen. Ob sie genau Jenes wollte? Er ging im Geiste die Flirt-Kennzeichen durch und glich sie mit der Situation ab: Okay, ihre Fußspitzen zeigen in meine Richtung. Sie ist leicht nervös und fasst sich des Öfteren in die Haare. Sie feuchtet ihre Lippen an — „Mr. Data, eine Situation wie im Lehrbuch“, dachte er bei sich und lächelte endlich. Genau da strahlte sie ihn an. Doch zugleich kam der Soziologe in ihm durch: „Es könnte alles ganz anders sein…“, dachte er bei sich und zog die Mundwinkel nach unten. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und wie zufällig berührten sich ihre Oberschenkel. Eine Gänsehaut krabbelte seinen Rücken hinauf und legte sich auf die Arme.

Als er unverrichteter Dinge ausstieg, konnte er nur Gründe — heißt Vorwände, Ausreden — finden, warum er sie nicht ansprach. Doch sein inneres Gefühl ließ sich von dem Intellekt alles andere als beflügeln. In seiner Fantasie hatte er sie angesprochen. „Es kommt nicht darauf an, was, du sagst, sondern dass du was sagst — und wie du das sagst“, dachte er bei sich. Doch wenn er sich vorstellte, er hätte ihr gegenüber die Stimme erhoben, dann dachte er gleichsam an Mutismus, Stottern oder Logorrhoe. Manchmal wünschte er sich, er könnte einfach die Fensterläden öffnen und dann würde die Andere in seinen Kopf schauen können. Müsste er für das Erlebnis ein Bild finden, dann steht er mit nassen Klamotten vor ihrer Tür. Ohne dass er klopft, öffnet sich die Tür und vor ihm steht eine Frau, die ihm mit offener Körpersprache trockene Klamotten reichen möchte. Das ist die Realität. Doch sein Geist verrenkte das Bild: Er steht mit trockenen Klamotten vor ihrer Tür. Sie öffnet sie. Mit geschlossener Körpersprache holt sie mit einem Kübel Wasser in der Hand aus … und dann wird die Situation eingefroren. Er stellt sich tot.

Er seufzte und fuhr nervös mit seinen Händen über seine Hose, so als ob er sie tatsächlich nach Feuchtigkeit abtasten müsste. Kein Small Talk. Keine Belanglosigkeit. Kein erster Schritt. „Mr. Data, das ist keine Fehlfunktion, das ist das Leben“, dachte er bei sich. Er sah sich selbst, wie er in sich hineinschaut und kam zu dem Schluss: Ohne mich selbst wertzuschätzen, werde ich beim nächsten Mal wieder zu feige sein. Seine Hand verkrampfte. Da spürte er in seiner rechten Hosentasche ein zerknülltes Stück Papier. Ohne ihm große Bedeutung zu schenken, faltete er es auf: „Mr. Vulkanier 😉 , falls Sie sich doch noch entschließen mich anzusprechen, 🙂 morgen zur gleichen Uhrzeit.“ Er lachte auf. Der Stil gefiel ihm. Die Idee gefiel ihm. Mr. Vulkanier gefiel ihm. Sie scheint sich gut in mich einfühlen zu können und … und … ja morgen.

Er machte die Hand zur Faust und stellte sich vor, darin lag seine Angst, dann drückte er für einige Sekunden fest zu. Aufrecht und pfeifend bog er in seine Straße ein. Sofort hinterlegte er auf dem Handy ein Memo. Morgen, morgen, … ja morgen, da kann mein Leben ein wenig anders werden…

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Schreibaufgabe Erzähle uns von einem Wunsch, den du aus Angst noch nie angegangen bist. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

 

9 Kommentare

  1. Hallo Sebastian,

    ein schöner Beitrag zum Thema! Mit dieser Angst bist du keinesfalls alleine. Deutung der Körpersprache anderer Leute und das Flirt-ABC, wenn es denn eines gibt, lassen die meisten Leute verzweifeln.

    Und wie du anmerkst, gehört es unbedingt dazu, zu sich zu stehen und sich selbst zu akteptieren. Finde ich ganz toll, dass du das in deine Geschichte mit reingenommen hast.

    Ich habe mich heute mit dem Smartphone, Internet & Co. auseinandergesetzt. HIER findest du meinen Beitrag.

    Wünsche dir ein schönes Wochenende,
    glG vom monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Liebe Monerl,
      vielen Dank für den schönen Blumenstrauß 🙂 . Ja, ich sehe in der Selbstakzeptanz das Entscheidenste, auf die vieles aufbaut.
      Dir auch ein schönes Wochenende. Werde gleich mal zu deiner Geschichte rübersehen.
      Lg Sebastian

  2. kaisuschreibt

    Oh, so was kenne ich aus meiner Teenager-Zeit. Schlimm. Vor allem, wenn das Hirn alle Szenarien durchspielt und letztlich verpasst man so seine reale Chance …
    Inzwischen fällt mir die Kontaktaufnahme viel leicheter, was mich wohl auch mein Beruf gelehrt hat 😛

    Schön, dass es am Ende hier zu einer positiven Situation kam!

    • Sebastian Nachdenker

      Ja, nur beobachten und sich verkopfen, reicht nicht. Es freut mich 🙂 , dass du durch die Geschichte eine für dich positive Entwicklung in dir entdeckt hast. Ich glaube, ein wenig Teenie bin ich in dem Gebiet noch geblieben 😉 .

  3. Oh – eine entzückende Wendung. Ich hoffe für ihn auf Morgen.
    Für Männer ist das immer eine schwierige Situation. Wir Frauen haben es doch bisschen leichter. Wir müssen nur warten und die richtigen Signale verschicken – oder dann ein bisschen anschupsen und einen Zettel in die Tasche stecken.
    Gefällt mir gut, wie du die hibbelige Situation für uns beschrieben hast. Ein tiefer Blick ins Innere.

    • Sebastian Nachdenker

      Danke :). Ja, der Zettel war der Holzhammer, also steht noch die Zärtlichkeit aus.
      Ja, das stimmt, es geht ums Erkennen der Signale, aber auch die Schlussfolgerung durchführen „Sie möchte angesprochen werden“.

      • Zum Glück hat sie den Zettel eingebracht. Jetzt liegt es an ihm die Chance zu nutzen. Ich sag ja – der schwierige Part liegt meist bei den Männern – was das hier angeht. 😉

  4. Hallo Sebastian,

    ja, Flirtsignale richtig deuten und sich dann überwinden, das ist eine Sache für sich. Sich jemand anderem zu öffnen geht nicht, ohne sich selbst erstmal „gut“ zu finden.

    Interessant fand ich den Einblick in deinen männlichen Protagonisten. Ich selbst hatte eher eine andere Angst – zuviele Signale zu senden und dann vielleicht nicht mehr „zurückzukönnen“.

    Dein Text ist sehr gut.

    Mir gefällt auch die Sache mit Mr. Data und dem Vulkanier 😀
    Sieht aus, als würden sich da zwei Trekkies finden, das ist doch wunderbar!

    LG,
    Daniela

    und vielen Dank für den Besuch bei mir

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Daniela,

      die Sichtweise, Angst zu haben, zu viele Signale auszusenden, war für mich ganz neu.
      Ja, auch ein Trekkie, faszinierend 😉 :).
      Ja, die Selbstakzeptanz ist das non plus ultra. Insofern kann einen das platonische Bild von der fehlenden Hälfte auch ein bisschen in die Irre führen, wenn man glaubt, aus sich heraus nicht vollständig oder glücklich werden zu können.

      LG
      Sebastian

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