Der Pirat und das Mädchen

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#WritingFriday #15

„Dieser kunterbunte Vogel konnte einfach nicht anders, als mitten auf die Hochzeitstorte zu fliegen.“ Petra schaute in die Runde. Die Gesichter der Zuhörenden waren offen, und als einer leicht zu grinsen anfing, lachte die gesamte Gruppe. Etwas entfernt stand Peter an eine Säule gelehnt und fragte sich, was er gerade empfand. Er stellte sich vor, er könne einfach zum Arzt gehen und jener hätte ein Gefühlsthermometer und sagt: „Sie freuen sich 80. Das ist im Normalbereich.“ Ja, fröhlich war er. Vor ein paar Minuten hatte Petra beim Erzählen mit Armen und Beinen ausgeholt und aus Zufall lag ihr Arm einen Hauch von Augenblick auf seinem Bein.

Peter hatte diesen Moment eingefroren und im Geiste legte er ihn in das Aquädukt der schönen, aber auch einmaligen, folgenlosen Momente. Was sollte es? Als die Gruppe sich neu sortierte und der Vogel noch allerlei Furore vollbracht hatte, da setzte Peter einen Fuß vor den anderen, und weil Petra ihr Feuerzeug suchte, er ihr seines wortlos gab, sie sich freute, er sich auch eine Zigarette anzündete, da öffnete er seinen Mund. „Ich, ich, also hät-hätte da auch eine Ge-Geschich, also Anekdote.“ Ein Mann hielt sich lachend die Hand vor den Mund, doch Petra antwortete mit heißerer Stimme: „Oh ja, ich könnte eine Ablösung gut vertragen. Wir sind gespannt.“ Dann berührte ihr Arm wieder Peter — und er überlegte ein paar Sekunden und dann war ihm klar, jetzt war es kein Zufall, sondern Absicht.

„Es war einmal ein Pirat, der nur noch ein Auge hatte und eine zerflatterte Augenblende. Der Pirat setzte sich in den Kopf, eine Frau zu finden. Er grub Schätze aus und verschenkte sie, er kleidete sich elegant, doch jedes Mal beim Kennenlernen, da hatte er diese schaudernde Stimme. Die Frauen fürchteten sich vor ihm. Der Pirat wurde traurig. Einmal, als er für ein paar Tage im Kerker eingesperrt war, da saß ein alter Mann mit langem Bart in der Ecke …“

„So wie Gandalf?“, jauchzte Petra.

„Ja, in etwa. Es war ein weiser Mann. Es gibt das Finden ohne zu suchen, sagte er. Der Pirat verstand nicht. Erst letzte Woche war bei einen Krug Grog mit seinen Freunden ein Trinken gewesen. Und auch sie versuchten es mit allerlei Rat. Der Pirat schrieb mit und zuhause legte er die Zettel in eine bestimmte Reihenfolge, als würde er eine Strategie für den nächsten Überfall ausarbeiten. Der alte Mann sagte zehn Minuten nichts mehr. Der Pirat erhob seine Stimme, also wer sucht, der hält Ausschau, nach dem, was er finden will. Er hat Vorstellungen, Erwartungen. Wer findet, ohne zu suchen, dem fällt es gewissermaßen vor die Füße. Der alte Mann nickte.

„War das die Pointe?“ Petra kniff ihm in den Arm, und Peter war in Gedanken ganz woanders. „… mit deinen Muskeln, deinen schönen Zähnen …“ Peter spürte, das, was er jetzt spürte, war nicht Freude 80 im Normalbereich. Plötzlich wurde ihm klar, dass da keine anderen mehr waren. Er erinnerte sich, wie oft er mit ihr schon zusammen saß und sie sich unterhielten. Er konnte nicht anders, als ihre Wange zu küssen, und dann umspielte er ihr Ohrläppchen mit seiner Zunge. Petra zog ihn noch näher zu sich, und er spürte jede Kontur ihres Körpers. Dann flüsterte sie: „Wie oft ist es nicht passiert, aber heute …“ Peter konnte nur noch nicken und streichelte über ihre Haare. In Gedanken ließ er alle anderen Momente mit anderen Frauen im Aquädukt abfließen. Dann stellte er sich ein dickes Buch vor, Petra und Peter, titelte es und hatte jede Menge leere Seiten.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Aufgabe Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Dieser kunterbunte Vogel konnte einfach nicht anders als…“ beginnt. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

4 Kommentare

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Norbert,
      vielen Dank. Die Formulierung mit der 80 soll sich an der Pulsmessung anlehnen, zum Beispiel „80 zu 120“.
      Viele Grüße
      Sebastian

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