Das Wiedersehen

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#WritingFriday #7

Gregors Schuhe raschelten im Kies. Er blickte zu dem Turm hoch, der die Klostermauer überragte. Er dachte an den Tag ihrer Verlobung, als sie vor der Kamera lächelte, nachts aber auf seine Brust weinen musste. Überhaupt, Gwenny war wie eine liebende Mutter zu anderen, aber zu sich selbst …

Dann fiel ihm die doofe Wette mit seinem kleinen Bruder ein. Eigentlich hatte er bereits verloren: Denn er brauchte das GPS des Smartphones, um den Weg zu finden. „Tim, du hast gewonnen“, schrieb er einfach eine SMS und zögerte an der schweren Holztür des Klosters.

„Ach, Gregorchen …“, murmelte Gwenny. Jäh wandte sie sich vom Tisch ab, so dass der Stuhl umfiel. Die Bibel legte sie zu oberst auf die Tasche, sonst war alles gepackt. Der Reißverschluss war leicht zu schließen. Dann zögerte sie, bis sie schließlich den Kreuzgang entlang und dann durch die schwere Holztür nach draußen trat. Wieder redete sie vor sich hin: „Ach, Gregorchen …“

Er hätte ihre Stimme aus einem 100 Menschen großen Chor herausgehört. „Ich bin hier“, rief er. Sie blieb abrupt stehen. Dann bekreuzigte sie sich. Jetzt erst fiel ihm ihre Tasche auf. Die wenigen Sekunden, wie sie ihn ansah, freudig, überrascht, dankbar, herzlich, warmherzig — reichten aus, um zu fühlen, was er fühlte und sie. Er wickelte ein Glas aus, auf dem zwei Rosen sich ineinander verschlängelten. Er hatte es in einem VHS-Kurs selbst hergestellt.

Gwenny strahlte noch mehr. Dann sagte sie nur: „Ja, ich will. Ich will dich heiraten.“ Gregor lächelte, dann lachte er noch lauter. Das waren sie: Ohne Frage eine Antwort, ohne Bitte einen Gefallen tun, ohne Reden sich verstehen. „Ich liebe dich“, sagte Gregor und nahm ihre Hand. „Ich dich auch“, antwortete sie ohne Zögern. Als sich Gregor umdrehte, sah er die Äbtissin. Sie winkte ihnen hinterher und zwinkerte Gregor zu. Er zwinkerte zurück, nahm sein Handy und löschte schnell eine SMS.

Ihr Gesicht mochte so etwas sagen wie: „Tue das, was du für richtig hältst.“ Dann nahm die Äbtissin ihren Rosenkranz und band ihn fest um ihre Hände. Gwenny winkte still zurück.

Als die Glocken der Klosterkapelle zur vollen Stunde läuteten, sah sie sich in einem Brautkleid. „Komm, wir heiraten bald, ganz im Kleinen …“, schlug Gwenny vor. Gregor nickte bloß, nahm ihre Tasche. Dann zuckte sein Mund kurz. Ihm fiel ein, dass er gegenüber seinem Bruder zugab, die Wette „Ein Tag ohne Smartphone“ verloren zu haben. Nun müsste er Tim eine Woche lang zur Schule fahren. Ach, was soll’s, ein Tag mit Smartphone für ein Leben mit Gwenny.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur etwas freier interpretierten Aufgabe Ein freier Tag ohne Smartphone, Internet und Co: Schreibe auf, wie dieser bei dir aussehen würde. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

12 Kommentare

  1. Pingback: Zurücklassen und wiederfinden – nachdenker.info

  2. Wunderbar wie du die beiden Aufgaben miteinander verbunden hast und Gwenny so eine ganzes Leben geschenkt hast 😀

  3. Hallo Sebastian,

    so, nun bin ich wieder zurück, nachdem ich den ersten Teil von Gwenny wieder nachgelesen habe. Dennoch bin ich etwas verwirrt, denn ich komme nicht ganz mit.

    –> „Ach Gregorchen“, seufzte Gwenny.
    Wann passiert das? Während Gregor nachdenkt und die SMS tippt oder war das in der Vergangenheit?

    –> Er hätte ihre Stimme aus einem 100-Menschen-großen Chor herausgehört. „Ich bin hier“, rief er.
    War er zufällig dort, als Gwenny letztes Mal beschloss das Kloster zu verlassen?

    –> Als sich Gregor umdrehte, sah er die Äbtissin. Sie winkte ihnen hinterher und zwinkerte Gregor zu. Er zwinkerte zurück, nahm sein Handy und löschte schnell eine SMS. Ihr Gesicht mochte so etwas sagen: „Tue das, was du für richtig hältst“, vielleicht auch ein wenig: „Ich würde gern das tun, was du tust“.
    Mit „ihr Gesicht“ war mir erst nicht klar, ob das Gwenny oder die Äbtissin ist. Aber es kann ja nur die Äbtissin sein, wenn man weiterliest. Doch was kann sie mit „Ich würde gern das tun, was du tust“ meinen? Was tut er denn, was sie nicht kann? Gwnny heiraten wohl kaum? hihi

    –> Als die Glocken zur vollen Stunde läuteten, sah sie sich in einem Brautkleid. „Komm wir heiraten bald, ganz im Kleinen…“, schlug sie vor.
    Vor diesem Satz wprde ich einen Absatz machen, da es ja jetzt um Gwenny geht und nicht mehr um die Äbtissin. Denn auch hier musste ich kurz stocken, um zu erkennen, was genau jetzt vor sich geht.

    –> Nun müsste er Tim eine Woche lang zur Schule fahren. Ein Tag mit Smartphone für ein Leben mit Gwenny.
    Warum? Welche Verbindung hat die Wette, einen Tag ohne Smartphone mit Gwenny? Ich dachte, Gregor denkt (jetzt in der Gegenwart an den Tag der Verlobung zurück). Und dann erzählst du von dem Tag damals. Hat Gregor damals das Handy für GPS gebraucht oder in der Gegenwart?

    Entschuldige für diese vielen Fragen und Ausführungen! Ich habe das Gefühl, dass ich heute schwer auf meiner Leitung sitze, denn ich musste diesen Text viele Male lesen und doch blieben danach die obigen Fragen übrig. Ich hoffe, du bist mir nicht bös deshalb.

    Darfst auch gerne meinen Text so zerpflücken, heute und in Zukunft! hihi
    Mein letzter Beitrag im Juni handelt von dem SPRECHENDEN BUCH.
    GlG, monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Vielen Dank, monerl. Deine Lese-Eindruck ist mir wertvoll, da ich so noch auf Ungereimtheiten gestoßen bin :).

      Also „Ach, Gregorchen“, sollte der Ausruf aus dem ersten Teil sein, nun habe ich aber das deutlicher gekennzeichnet.

      Ja, stimmt, das mit der Äbtissin, die tauschen möchte, habe ich gestrichen. Eigentlich war es so gedacht: Die Äbtissin hat Gregor ins Kloster gerufen, weil sie bereits ahnte, dass Gewenny gehen möchte und eigentlich zu Gregor möchte.

      Die Glocken, die läuten, sollen in der Gegenwart die Glocken der Klosterkapelle sein.

      Zum Schluss soll sich quasi die Klammer schließen: Gregor hat gegenüber seinem kleinen Bruder die Wette verloren, weil er das GPS nutzte, um ins Kloster zu kommen.

      • Sehr schön, jetzt ist mir alles klar! So kann man die Geschichte besser verstehen. D.h., die Geschichte spielt in der Gegenwart. Gregor holt gerade Gwenny ab. Nur kurz vor dem Kloster erinnert er sich zurück (z.B. ein Jahr zurück), als die beiden sich verlobt hatten. Doch Gwenny war noch nicht im Reinen mit sich und Gott. Sie entschied, ins Kloster zu gehen. Dort wurde ihr klar, dass sie keine Nonne werden wollte und ging zu Gregor zurück. Ist das richtig? Wenn dem so ist, würde ich an deiner Stelle folgende Sätze:

        „Dann fiel ihm die doofe Wette mit seinem kleinen Bruder ein. Eigentlich hatte er bereits verloren: Denn er brauchte das GPS des Smartphone, um den Weg zu finden. „Tim, du hast gewonnen“, schrieb er einfach eine SMS.“

        in einen eigenen Abschnitt machen. Also, damit gekennzeichnet wird, dass was anderes kommt. Sprich, er steht vor der Mauer des Klosters, sinniert ein bisschen zurück und ist dann wieder in der Gegenwart und schreibt seinem Bruder eine SMS…

        Danke für die Überarbeitung aufrund meiner Anmerkungen. 🙂

    • Sebastian Nachdenker

      Schön, dass es für dich keine alte Leier war, sondern unterhaltsam, das freut mich 🙃

  4. Hey Sebastian,
    ich bin froh, dass du die Geschichte wieder aufgegriffen hast. Ein sehr schönes Ende für Gwenny. 🙂
    Grüße, Katharina.

    • Sebastian Nachdenker

      Hey Katharina,
      dankeee. Freut mich 😊.
      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

  5. Hi Sebastian,
    die Korrekturen haben der Geschichte offenbar gut getan, denn ich konnte gut folgen. Mir gefällt gut, dass man bei dir etwas mitdenken muss, du präsentierst einem die Geschichte nicht auf dem Silbertablett, sondern man muss es erst noch auspacken.
    Dass die Äbtissin Gregor den Hinweis gab – und er dann das GPS gebraucht hat, um das Kloster zu finden und somit die Wette verloren – eine sehr gute Idee 🙂

    Mein Beitrag handelt vom Glitzer-Gold-Bikini.
    LG
    Daniela

    • Sebastian Nachdenker

      Hi Daniela,
      vielen Dank. Dass freut mich, wenn für dich die inhaltlichen Leerstellen so gut gepasst haben 😊 und der Plot für dich gut war.
      LG zurück
      Sebastian

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