Das verflixte 77. Jahr

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#WritingFriday #15

„Jetzt komme endlich aus deinem blöden Panzer heraus!“, fauchte Erna. Emils Kopf wackelte, dann zog er ihn vorsichtig zur Hälfte heraus. „Ja, ja, damit du dich wieder über die Farbe meines Panzers aufregen kannst, du mochtest noch nie den neuen Friseur…“ „Du sagst es. Welche ernstzunehmende Schildkröte geht auch zu einer Molch? Da kann ich unser nächstes Auto ja gleich bei einer Schnecke kaufen. Von 0 auf 100 in 10 Jahren.“

Bevor Erna Emil körperlich näher kommen konnte und ganz gewiss nicht auf zärtlichen Weise, meldete sich Georg, die Großkopfschildkröte, zu Wort: „Ich danke Ihnen sehr. Wenn ich jetzt einfach gesagt hätte, bitte schildern Sie das Problem, dann hätte ich von Ihnen nur Abwehrmechanismen bekommen. Aber diese Szene, wie aus dem Lehrbuch. Also, Sie sind 77 Jahre verheiratet?“ „Ja, noch“, sagten Emil und Erna unisono.

Georg lächelte. „Wissen Sie, alleine diese gemeinsame Antwort zeigt mir, da sind Gras und Frösche noch nicht verloren. „Sagen Sie, Erna, wie fühlen Sie sich, wenn Sie so mit Emil reden, wie Sie es gerade taten?“ Ernas Füße spannten sich an. Sie krallte sich in den Boden. „Wütend, enttäuscht, traurig, verletzt, irgendwie“ „Wunderbar! Ein sehr gutes Zeichen, Sie sind sich nahe. Verstehen Sie Erna, wenn Sie wütend, enttäuscht, traurig und verletzt ist?“ „Ja!“, schrie Emil, „aber dann geht es doch bei der Sumpfschildkröte noch mal nicht um die blöde Färbung meines Panzers.“ „Ja und nein. Der Panzer ist wie ein Gefäß Ihrer Gefühle. Wenn Sie streiten, streiten Sie nicht um die Farbe des Panzers, sondern um Anerkennung, Respekt, Zuwendung.“

Emil hörte auf.  „Ach, Erna, weißt du noch, als wir die ersten Kinder bekamen. Und an dem Abend hab ich dir Löwenzahn mitgebracht. Und unsere Kinder waren so still und brav. Wir waren Seite an Seite“, erinnerte sich Emil und seine Frau legte ihre Krallen ineinander „Ja, und ich sagte: Du bist zwar keine Schmuckschildkröte, aber für mich die schönste Schildkröte, die ich kenne.“

Georg lächelte. Langsam entfernte er sich. Er legte noch ein wenig Geräusche für Schildkröten auf und hoffte, dass die beiden das Lehm-Lager würden entdecken.

Diese Rede ist ein Beitrag zur Aufgabe Du bist Paartherapeut, erzähle von einer Sitzung! Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love.

8 Kommentare

  1. Hallo Sebastian,

    sehr schöne Idee!

    Aber hier solltest du das Komma noch anders setzen:
    „Wissen Sie alleine, diese gemeinsame Antwort zeigt mir, …

    So ist der Satz auf den ersten Blick nicht ganz verständlich.

    Liebe Grüße Norbert

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Norbert,

      vielen Dank für die Anmerkungen. Das Komma ist sinnvollerweise verschoben.

      Viele Grüße
      Sebastian

  2. Hey Sebastian,
    eine Therapiesession mit Schildkröten! Sehr kreativ umgesetzt und irgendwie niedlich, wenn man es sich bildlich vorstellt.
    Grüße, Katharina.

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Katharina,
      schön, dass der Text in deinem Kopf zu Bild wurde 😊.
      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

  3. Hey Sebastian!
    Du hast immer richtig tolle Ideen auf die ich im Leben nicht kommen würde. Interessant wie du das mit den Schildkröten angepackt hast. Ich muss zugeben, dass ich bei deinen Texten immer sehr lächeln muss und das ist ein super gutes Zeichen!

    Liebste Grüße
    Lisa

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