Das Buch

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#WritingFriday #14

Luka wartete 15 Sekunden. Luna lächelte darüber, das „s“ zwecks Kosenamens am Ende von „Lukas“ entfernt zu haben und dachte gleichzeitig an die früheren Pausen von 30 Sekunden zurück. ‚Ich bin eine Lehrerin der Spontanität‘, dachte sie bei sich und lächelte. Luka band umständlich seine Schuhe zu. Luna sah buchstäblich schon, wie sie einige Male wieder aufgehen würden. Aber egal, nun wollte das Paar hinausgehen. „Dieses kleine Antiquariat am Platz der Demokratie…“, begann Luka und küsste dann plötzlich Luna auf die Stirn. Sie lächelte, wartete ein paar Sekunden und antwortete: „Ja, gerne, können wir da hin.“ Luka lächelte endlich zurück, nahm ihre Hand und bevor er die Tür öffnete, sagte er: „Ich liebe dich.“

„Ich dich auch“, sagte Luna und vergaß, einige Sekunden zu warten. Vom Stadtkern ein wenig in den Umkreis, gelangten sie auf den Platz der Demokratie. Ein kleines Museum öffnete seine Pforten und ein Eisverkäufer lockte einige Kinder an. Ein Mönch bat die Eltern derweil um Spenden. Sein Gesicht war aufgesetzt freundlich und bei genauem Hinsehen konnte man seinen rechten Fuß nervös zucken sehen. Ein dunkles Sandsteingebäude mit verstaubten Schaufenstern hätte man fast als verlassen interpretiert, wenn nicht einige Bücher im Schaufenster lägen, und über der Tür ein krummes Schild wedelte Antiquariat Klaußen.

Luka ging hinein. Seine Schritte verrieten Luna, dass er genau wusste, was er wollte. Natürlich, er würde nicht einfach nur schauen. Er hatte sich vermutlich eine Strategie von A bis Z überlegt — von Hinlaufen bis Verhandeln. Luka blies vorsichtig den Staub von einem Buch. Luna staunte. Es war Pergament, handgeschrieben. In verschnörkelter Schrift stand Apokryphen. Luna traute sich kaum zu atmen, so sehr spürte sie die Spannung und Begeisterung ihres Freundes. Als hätte er ihre Fragezeichen gehört, sagte er: „Apokryphen sind Texte, die nicht im Kanon der Bibel enthalten sind, aber auch von Jesus und so weiter handeln.“ „Ach so, das ist ja… ja, also, mehr als interessant“, antwortete sie und hatte zum ersten Mal den Eindruck so unsicher zu reden wie es Luka tat, wenn er Fremde ansprechen musste.

Luka war an die Ladentheke getreten. „1000 Euro wie vereinbart. Und 5 Euro für die Kaffeekasse.“ Der alte Ladenbesitzer lächelte und um die Kasse zu erreichen, musste er sich an einem Stock hochziehen. Luka verneigte sich ein wenig und wickelte seinen Bücherschatz in Zeitungspapier.

Luna japste nach Luft, als sie vor der Tür waren. Beinahe wäre sie dem Bettelmönch auf die Füße getreten. „Verboten, verbotene Schriften“, schrie dieser und hielt sein Kreuz wie eine Waffe gegen sie gerichtet. Luka gab Luna ein Zeichen und wie im Film rannten sie in eine Seitengasse, über einen Fluss und dann Richtung Bahnhof. Der Mönch fluchte. Er riss mit bloßen Händen seine Kutte auf, damit er schneller laufen konnte. Doch er bog an der entscheidenden Kreuzung in die falsche Straße ein.

Dafür musste sie Luka bewundern: Bei ihm schien die Angst genau umgekehrt zu sein: Je alltäglicher eine Situation, desto mehr Gedanken machte er sich. Sie lächelte, als sie sich erinnerte, wie er ihr seine Small-TalkKarteikarten gezeigt hatte. Aber in wirklichen Gefahren blieb Luka erstaunlich ruhig. Als sie ihn mal darauf ansprach, meinte er: Das habe mit Hochsensibilität zu tun und verwies auf Forrest Gump, der in Vietnam die Kameraden aus dem Feuer hinaus trug.

„Ich fühle mich so sicher an deiner Seite, Luka“, hauchte sie und als sie endlich im Schlafzimmer waren knüpfte sie sein Hemd auf. Luka konnte sein Buch schnell vergessen. „Kennst du nicht auch noch ein paar Geschichten, die nicht in deiner offiziellen Vita stehen?“, fragte er lieblich und machte ein unschuldiges Gesicht. „Und ob! Fangen wir doch mit dem praktischen Teil an, was ich schon immer mal mit einem Mann, den ich begehre, machen wollte…“ Luka wartete 5 Sekunden und schaute sie an. Mit einer lockeren Handbewegung öffnete er eine Schublade… „Vielleicht wirst du hier fündig“, meinte er. Luna nickte. Dann war da nur noch die Sprache ihrer Körper.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Aufgabe Schreibe eine Geschichte zu folgender Situation: Du betrittst einen schummrigen, alten Laden und kaufst ein Buch, dafür wirst du dann aber verfolgt. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love

12 Kommentare

  1. Pingback: Leitgefühle – nachdenker.info

  2. Hey Sebastian,
    eine kreative Verknüpfung der beiden Themen. Ich finde den letzten Satz perfekt. Nicht zu vage aber auch nicht zu sehr aufs Auge.
    Grüße, Katharina.

    • Sebastian Nachdenker

      Hey Katharina,

      vielen Dank :). Genau, der Schluss ist eindeutig genug, lässt aber Freiraum für eigene Vorstellungen.

      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

  3. Hallo Sebastian,
    mir gefällt die Charakterisierung der beiden. Es gelingt dir, sodass man sich beide und ihr Handeln vorstellen kann. Auch die netten Kleinigkeiten, wie z.B. der Karteikasten für Small Talk, runden das Ganze ab.

    Im letzten Abschnitt hast du aus Lukas Luka gemacht. Erst hab ich nicht verstanden, was du mit dem „dritten Buchstaben“ meinst. Dann kam mir, es hat was mit LuKa und LuNa zu tun. Stimmt das? Wenn ja, kann ich aber diesesn Umschwung von Lukas zu Luka nicht so richtig verstehen. Es kommt irgendwie aus heiterem Himmel. Man muss sich schon sehr anstrengen, um das zu verstehen / dahinter zu kommen.

    Weiter oben meinst du bestimmt „mit bloßen Händen“, oder? 😉

    Bei mir geht es heute um Lina und ihren Schulbeginn. HIER kannst mal reinlesen.
    GlG, monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Monerl,

      vielen Dank für die Rückmeldung. Es freut mich, wenn die Figuren durch ihre Eigenheiten für dich lebendig sind 🙂 .

      Ja, ich meinte „Mit bloßen Händen“. Dass mit Luka habe ich auch nachvollzogen. Ich wollte mit dem Spitznamen ausdrücken, dass Luna mit Lukas vertrauter ist. Aber um diese Verwirrung zu beseitigen, baute ich das nun am Anfang ein und habe konsequent nur noch „Luka“ geschrieben.

      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

      • Ja, diese Veränderung macht das ganze viel klarer. Freut mich, dass du meine Verwirrung nutzen konntest, um den Text zu verändern. 🙂

  4. Hallo Sebastian, das mit dem dritten Buchstaben war mir schon klar! Offenbar war der Text vor Monerls Kommentar ein wenig anders gewesen, kann ich nun nicht mehr nachvollziehen. Ansonsten schöne Fortsetzung!
    LG Norbert

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Norbert,
      genau, vorher war der Kosename „Luka“ erst in der Mitte des Textes eingeführt. Freut mich, dass der Text verständlich ist und als Fortsetzung gelungen.
      Liebe Grüße zurück
      Sebastian

  5. Eine tolle Kurzgeschichte! Ich bin ja Atheist, aber mich würde nun trotzdem interessieren, was in den Apokryphen drinsteht – wenn es verbotene Schriften sind, muss es ja was Spannendes sein (vor allem, wenn Lukas bereit ist, dafür 1000 Euro hinzublättern)…

    • Sebastian Nachdenker

      Danke für die freundlichen Worte. Freut mich, wenn die Geschichte für dich spannend war. Gute Frage, was genau drinsteht…

  6. Lieber Sebastian,

    schöne Idee, zwei Themen zu verknüpfen. Ein süßes Paar, das du dir da ausgedacht hast, ich mag vor allem ihre Besonderheiten.
    Gut gefallen haben mir auch deine Beschreibungen der Umgebung und die kleinen Details, wie das Zucken mit dem Fuß des Priesters.
    Die Wendung nach dem Besuch im Buchladen war wirklich spannend geschrieben.

    Hat mir sehr gefallen.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende 🙂

    Liebe Grüße,
    Gina

    • Sebastian Nachdenker

      Liebe Gina,

      vielen Dank für deinen Eindruck. Es freut mich, dass dir auch die Details und Andeutungen aufgefallen sind 😊.

      Dir auch ein schönes Wochenende!

      Viele Grüße
      Sebastian

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