Abreise

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#WritingFriday #10

„Hast du die Brotzeit eingepackt?“, fragt das Kontrollzentrum. „Mach’s gut, Junge“, sagt das letzte Wort. Oh, Verzeihung, ich wusste nicht, dass Sie auch zuhören, sonst hätten ich Ihnen die Kosenamen gerne erklärt, aber wissen Sie, ich hab im Grunde keine Zeit … abgesehen davon ist es mir auch nicht wichtig.

Aber gut, wenn Sie schon mal hier sind. Haben Sie vielleicht Kleingeld für eine Einzelfahrkarte? Danke. Jetzt könnte ich nochmals Ihre Hilfe gebrauchen. Ich schreibe eine SMS: „Bin gut in den Zug gekommen.“ Doch ich fahre ja zum Flughafen, wissen Sie? Warum? Ganz einfach: Es gibt Momente im Leben, da können Sie die Entscheidung nicht mehr darauf herunterbrechen, sie gerade wollen, sondern da gilt es zu überlegen: Wenn das 30 Jahre so weitergeht, wie wird es Ihnen dann gehen?

Sie sind aber neugierig. Was ich Persönliches mitnehme? Dachten Sie, ich will unbedingt ein Kilo deutsches Brot? Ein paar Briefe, tagebuchartige Notizen und eine handvoll Fotos. Hey, so nahe brauchen Sie nicht hinschauen. Ach, die Rose, ja, für was wird sie wohl stehen? Wer das auf dem Foto ist? Ach, das, sie, also … was mir unmittelbar etwas bedeutete, sie, ist das Flugticket nach Kuba. Familienlüge tausche ich gegen die große Lüge ein. Ja, Sie haben Recht … dass Kuba frei sei. Ich, sie, ich ihr Halbbruder …

Sehen Sie das kleine Flugzeug mit den rostigen Propellern? Vertrauenserweckend, nicht wahr? Ich zähle etwa 50 Passagiere, es riecht nach Schmieröl und verbranntem Bordessen. Doch wie so oft im Leben gilt es zu unterscheiden: Was ist Mittel? Was ist Zweck? Wenn der Zweck wichtig ist, kann auch ein weniger gutes Mittel in Kauf genommen werden. Was? Sie verstehen mich nicht mehr? Ach so, die Propeller, ja der Schrotthaufen — er kann tatsächlich fliegen. Es lebe die Revolution.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur Aufgabe Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Er konnte tatsächlich fliegen.“ endet. Weitere Beiträge auf dem Blog read books in fall in love.

12 Kommentare

  1. Hallo Sebastian!
    Ein interessanter Erzählstil und eine aufregende Geschichte. Ich würde am liebsten auch gleich nach Kuba reisen!

  2. Viva la Revolution! Ich, als Kuba-Liebhaberin, fande deinen Beitrag sehr schön! Die Beschreibung des Klapprigen Flugzeuges war sehr Originalgetreu 😀 Man betet, das man schnell wieder heil am Boden ist! Die Erzählweise war für mich Anfangs sehr gewöhnungsbedürftig 🙂 Aber gut! Bei mir kannst du heute Roger kennenlernen! Liebste Grüße, Annie

    • Sebastian Nachdenker

      Danke 😊🇨🇺
      Ja, das stimmt, ich finde es inzwischen auch etwas holprig, den Erzählstil durch den Wechsel zwischen Anrede des Lesenden und Handlung.
      Herzliche Grüße zurück
      Sebastian

  3. Hallo Sebastian,

    ich muss gestehen, dass ich in deine heutige Geschichte schlecht reinfinde. Zu sehr ins kalte Wasser geschmissen. Für mich persönlich sind es zu wenige Informationen und zu viele Anspielungen. Hänge deshalb etwas in der Luft.
    Das Thema an sich finde ich spannend. Der Protagonist haut also nach Kuba ab, zu seiner Halbschwester? Ich hoffe, dass ich zumindes das verstanden habe. hihi
    Bei mir spricht heute mein Schreibtisch. Er will sich vom Acker machen. HIER kannst du alles nachlesen. 😉

    GlG, monerl

    • Sebastian Nachdenker

      Hallo Monerl,

      danke für deine Rückmeldung. Das Kryptische macht den Reiz der Geschichte aus, manchmal vielleicht zu viel des Guten.

      Die Eltern des Protagonisten verheimlichten ihm, dass er eine Halbschwester hat und er verliebte sich in sie. Die Andeutungen sollten das Foto und die Familienlüge sein.
      Ich werde noch einen deutlicheren Hinweis ergänzen.

      Liebe Grüße
      Sebastian

      • Dann bin ich froh, dass mit der Liebe, der Halbschwester und der Lüge der Eltern hatte ich verstanden. Der Einstieg ist mir zu krass. War bezüglich „Kontrollzentrum“ und „das letzte Wort“ verwirrt. Wusste nicht gleich, in welchem Genre ich mich befinde. Erst dachte ich, es wäre ne Sci-Fi geschichte! hihi

  4. Hey Sebastian,
    Ich hatte etwas Probleme durchzublicken und musste den Text 2mal lesen. Ich mag, dass er so abstrakt ist. Auf jeden Fall ein spannender Schreibstil.
    Grüße, Katharina

    • Sebastian Nachdenker

      Hey Katharina,
      danke für deinen Leseeindruck. Freut mich, dass dir der Text gefällt und er für dich zwar anspruchsvoll, aber nicht zu anspruchsvoll war.
      Liebe Grüße
      Sebastian

  5. buchvogel

    Hi Sebastian,
    ich mag es auch, dass du eher kryptisch und anspruchsvoll schreibst. „Kontrollzentrum“ und „letztes Wort“ finde ich lustige „Kosenamen“. Und tragisch, dass mit der Liebe zur Halbschwester. Was da wohl genau passiert ist?
    Haut er jetzt ab oder fliegt er zu ihr? Da es mit „Viva la Revolution“ endet, nehme ich an, er revolutioniert gegen die Eltern.
    Ja, bei dir muss man mitdenken.
    Beste Grüße
    Daniela
    Meinen Beitrag findest du hier.

    • Sebastian Nachdenker

      Hi Daniela,
      danke für deine Rückmeldung, die mich freut :).
      Hm, ich glaube, ich würde deine Fragen am liebsten in einer kleinen Fortsetzungs-Geschichte beantworten.
      Viele Grüße zurück
      Sebastian

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